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Sieg dem Volk

Heft 02, 2019

Sieg dem Volk

Abhijit Majumdar |Autor

Heft 02, 2019


Während die Nation auf die Ergebnisse der kürzlich stattgefundenen allgemeinen Wahlen 2019 wartet, werfen wir einen Blick auf den gigantischen Wahlvorgang mit 900 Millionen Wählern, was die Wahl zum weltweit größten demokratischen Vorgang macht

Bei der Erwähnung von 900 Millionen Menschen, die in einem riesigen Vorgang bei den allgemeinen Wahlen 2019 in Indien eine Regierung wählten, klappten weltweit die Kiefer vor Erstaunen herab. Diese Wahlen zur 17. Lok Sabha war die weltweit größte demokratische Übung und fand vom 11. April bis 19. Mai 2019 in sieben Phasen statt. In diesem Jahr richtete die indische Wahlkommission (ECI) rund 1 Million Wahllokale im Land ein, zehn Prozent mehr als bei den Wahlen in 2014. Die sieben Phasen verteilten sich auf 39 Tage, was die Wahl zur längsten Indiens macht. Außerdem durften Wähler erstmals einen von 12 zugelassenen Identitätsnachweisen zum Wahllokal mitbringen und Wahlscheine waren nicht mehr das einzig mögliche Dokument, um sich auszuweisen. Die Wahlen von 2019 erbrachten mit vorläufigen 67,11 Prozent in den 542 Wahlbezirken die höchste Wahlbeteiligung jemals, wenn man Vellore in Tamil Nadu ausklammert, wo die Wahlen ausgesetzt wurden. Die diesjährige Wahlbeteiligung liegt um 1,16 Prozent höher als die 65,95 Prozent aus 2014.

Die höchste Wahlbeteiligung verzeichnete Lakshadweep mit 84,96 Prozent, aber auch die nordöstlichen Bundesstaaten Tripura, Nagaland und Manipur schnitten mit jeweils 83,2 bzw. 83,09 und 82,69 Prozent gut ab. Madhya Pradesh wies mit 9,5 Prozent gegenüber den vorherigen Wahlen den höchsten Anstieg der Wahlbeteiligung auf. Mehr als 10 Millionen Wahlbeamte sorgten dafür, dass es bei den Wahlen im ganzen Land gerecht zuging und alles glatt lief – mehr als die gesamten Wahlberechtigten von Ungarn und Island zusammengenommen. Dies ist jedoch noch nicht der faszinierendste Aspekt. Schließlich ist 900 Millionen nur eine Zahl. Verblüffend ist jedoch die Vielfalt der 900 Millionen Menschen, die ihre Regierungsvertreter, die Ideologie und den sozio-ökonomischen Weg zu wählen hatten. Noch bemerkenswerter ist, dass dieses gigantische demokratische Ritual von fast einem Achtel der Menschheit nicht mit der Geschwindigkeit eines Ochsenkarrens oder mit dem Gießkannenprinzip vollzogen wurde. Eingesetzt wurden die neueste Technologie, uhrwerkartig präzise Abläufe, Sicherheitsmaßnahmen und wirtschaftliche Aktivitäten, die das Jahresbudget vieler kleiner Nationen überschreiten.

Wahlbeamte holen EVMs, VVPATs und anderes Wahlmaterial aus einem Verteilzentrum in Jaipur, Rajasthan, ab

Indien in seiner ganzen Vielfalt

Im März 2019 gab es 2.293 registrierte Parteien in Indien, einschließlich der anerkannten sieben nationalen und 59 staatlichen Parteien. Wie viele Ideologien, regionale Ziele, Parteiprogramme sind dies zusammengenommen? In monolithischen Nationen ist dies schwer zu begreifen. In Indien gibt es 22 offiziell anerkannte Sprachen und mehr als 2.000 ethnische Gruppen. Es gibt Menschen mit heller, dunkler, gelber und brauner Hautfarbe und alle können legitimerweise von sich sagen, ursprüngliche Bewohner dieses Landes zu sein. Es gibt Menschen, die in den Bergen, in den Ebenen und auf den Inseln leben. Bei diesen Wahlen herrschte ein neurotischer Grad an Diversität. Fünf Transgender-Kandidaten stellten sich zur Wahl und 41.292 Wähler hatten sich unter „drittes Geschlecht“ eingetragen, ein Anstieg von circa 45 Prozent gegenüber den Zahlen von 2014, als die Wahlkommission diese Kategorie einführte. Mahant Bharatdas Darshandas war der einzige Wähler im Wahllokal Banej tief im Wald von Gir, der Heimat des Asiatischen Löwen, und verzeichnete damit eine Wahlbeteiligung von 100 Prozent! Der älteste Wähler war der 101-jährige pensionierte Lehrer Shyam Saran Negi aus Himachal Pradesh, der seit den ersten allgemeinen Wahlen in Indien im Jahr 1951 immer gewählt hat. Das höchste Wahllokal der Welt steht auf 4.650 Metern Höhe in Tashigang in Himachal Pradesh. In Arunachal Pradesh mussten die Beamten einen ganzen Tag lang wandern, um den einzigen Wähler zu erreichen. Nizamabad in Telangana war der erste Wahlkreis im Land, in dem 12 große EVM-Wahlautomaten in jedem Wahllokal verwendet wurden, da tatsächlich 185 Kandidaten zur Wahl standen. Auf der anderen Seite gab es 84,3 Millionen Erstwähler. Fünfzehn Millionen Wähler zwischen 18 und 19 Jahren durften ihre Stimme abgeben. Hierbei handelt es sich üblicherweise um eine idealistische, rebellische, technologisch kompetente Gruppe, die optimistisch gegenüber dem neuen Indien und seinem Platz in der Welt eingestellt ist.

Studenten halten Banner hoch, auf denen die Menschen aufgerufen werden, an den Wahlen zur Lok Sabha in Mumbai teilzunehmen

Technologie und mehr

Die gigantische Wahl in Indien war auch eine der technologisch fortschrittlichsten. Die Wahlkommissionsbeamten setzten dieses Mal insgesamt 1.74 Millionen VVPAT-Einheiten und 3,96 Millionen elektronische Wahlmaschinen in den 1.035.918 Wahllokalen in ganz Indien ein. Erstmals enthielten die EVMs und die Briefwahlunterlagen auch Fotos aller Kandidaten neben deren Parteinamen und -symbolen. Ebenfalls eine Premiere war die Verwendung des Voter Verifiable Paper Audit Trail- (VVPAT-)Systems in allen EVMs im ganzen Land. Die EVMs wurden unmittelbar vor dem Wahltag getestet, indem probeweise in Anwesenheit von Wahlbeamten Stimmen für jeden Parteikandidaten in jede Maschine eingegeben wurden. Am Ende dieses Probelaufs wurden die Stimmen gezählt und mit den Proben abgeglichen, um die korrekte Funktion der Maschinen sicherzustellen. Maschinen, die falsche Ergebnisse meldeten, wurden ausgetauscht. Darüber hinaus wurde bei dieser Wahl eine technisch ausgefeilte Kampagne mittels Social Media, 360-Grad- und Drohnen-Kameras für Übertragungen und vielem mehr gestartet. Die Inder können zwar immer noch nicht online wählen wie beispielsweise die Estländer, aber dennoch ist dies in technologischer Sicht die weltweit größte und fortschrittlichste Wahl. Rund 270.000 paramilitärische und 2 Millionen staatlichen Polizeikräfte leisteten in den sieben Wahlphasen und an den verschiedenen Wahllokalen Organisations- und Sicherheitsunterstützung.

Am Vorabend der Schlussphase der allgemeinen Wahlen in Indien am 12. Mai 2019 tragen Wahlbeamte EVMs in ein Wahllokal in einem Stammesdorf in Kaza, einem der entlegensten Wahllokale im Land im Distrikt Lahaul-Spiti in Himachal Pradesh

Der finanzielle Aspekt

Das Centre for Management Studies schätzte, dass die Ausgaben für diese Wahlkampagne 8 Milliarden USD überschreiten werden. Es gibt weitere offizielle und inoffizielle Ausgaben im Wert von Hunderten Millionen. Wahlen in Indien bringen auch anderen Branchen immer Millionen Dollar ein. Anbieter von Technologie, Plakatwänden und Datendienstleistungen machen gute Geschäfte. So hat die Wahlkommission beispielsweise 2,6 Millionen Flaschen unlöschbare Tinte bestellt, mit der die Finger der Wähler markiert werden. Schon alleine die Papier- und Druckkosten für Flugblätter und anderes Wahlmaterial könnten Hunderte Familien jahrelang ernähren. Die Größe der indischen Demokratie macht die Wahlen zu einer gewaltigen Aufgabe. Aber der emotional interessante Aspekt liegt in der Vielfalt des kulturellen Identitäts-Mixes, den die Inder ‚Nation‘ nennen.

Abhijit Majumdar

Abhijit Majumdar ist seit 23 Jahren ein renommierter Journalist. Er ist der ehemalige Chefredakteur von Mail Today. Er war außerdem Executive Editor von Mid Day und Resident Editor der Hindustan Times, Delhi. Majumadar spielte wichtige redaktionelle Rollen in Times of India und DNA. Er ist sehr aktiv in sozialen Medien mit mehr als 500.000 Twitter-Followern.
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