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Swamis Reisen

Heft 04, 2020

Swamis Reisen

Bill Davis |Autor

Heft 04, 2020


Swami Vivekanandas Reisen in die USA und nach Großbritannien veränderten die weltweite Wahrnehmung der indischen Philosophie und machten ihn zu einem Botschafter der indischen Weisheit

Als Swami Vivekananda im September 1893 in Chicago, USA, ankam, um seine heute legendäre Rede im Parliament of Religions zu halten, schätzte die westliche Welt den Vertreter Indiens in seiner safranfarbenen Kleidung nicht besonders. Innerhalb weniger Tage veränderte sich diese Einstellung jedoch drastisch, als sich die Kraft von Swamis Worten und Persönlichkeit verbreitete. Nachdem er seine Zuhörer im Parliament of Religions in Chicago für sich gewonnen hatte, sprach er im gesamten Osten der USA, den er mit der Dampflokomotive bereiste. Er überraschte und verblüffte seine amerikanischen Zuhörer mit der Botschaft, dass alle Religionen Zugang zu Gott bieten, dass der Mensch in seiner Essenz nichts anderes als das Göttliche an sich ist und es das Ziel des Lebens für jedes Individuum ist, diese Wahrheit als erfahrungsbedingte Tatsache anzuerkennen. In seinen eigenen kraftvollen Worten: „Kommt, Ihr Löwen. Schüttelt den Irrglauben ab, dass Ihr Schafe seid. Euer Geist ist frei. Gesegnet und ewig.“ Er hatte diese Wahrheiten zu Füßen seines Gurus Sri Ramakrishna verstanden, der in einem Kali-Tempel nördlich von Kolkata lebte. Swami wurde als „wirbelnder Mönch“ bekannt. Wo auch immer er war, wirbelte er die Dinge durcheinander und seine Reden wurden von großer Aufregung begleitet.

Swami Vivekananda (zweite Reihe, fünfter von links) am Mount Lowe, Kalifornien

Swami wurde eingeladen, bei einem interreligiösen Zeltcamp in Greenacre, Maine, USA, zu sprechen, inspiriert von seinen Reden in Chicago. Dort war er in seinem Element und las unter einer hohen Pinie den neugierigen Studenten vor, die mit ihm im Kreis auf dem Boden saßen. Im Anschluss daran beschloss er, dass er genug von Reisen und Vorträgen hatte. Er wollte sich niederlassen und Studenten unterrichten, um etwas Bleibendes in Amerika zu hinterlassen. Er schwankte zwischen Boston und New York und sagte sich „Boston ist das Athen von Amerika, aber New York ist das Rom“. Er entschied sich für Letzteres. Er hielt eine Reihe intensiver Vorträge bei der Brookly Ethical Society und gründete die Vedanta Society of New York.

Im Januar 1895 zog er aus dem schicken Wohnsitz eines Dr. Guernsey aus und in eine eigene Wohnung in 54 W 33rd St. in Manhattan. Man sagt, dass die Räume dort überquollen. Als die Stühle nicht mehr ausreichten, saßen die Menschen auf Tischen und am Boden und sogar vor der Haustür. Josephine MacLeod, die eine lebenslange Freundin von Swami wurde, erklärte, dass alles, was sie hörte, vom ersten bis zum letzten Wort, die Wahrheit war.

Swami Vivekananda fotografierte während seiner Zeit in London im Jahre 1895

Swami war immer beschäftigt und hielt an den meisten Tagen zwei Vorträge. Als Legget sah, wie erschöpft er war, lud er ihn auf seinen Wochenendwohnsitz Ridgeley Manor ein, rund 100 Meilen nördlich der Stadt auf der westlichen Seite des Hudson River, um sich auszuruhen. Er liebte es, dort unter einer riesigen Eiche zu meditieren, und diese Stelle ist heute auf dem Gelände von Ridgeley Manor als Vivekananda Retreat, Ridgeley, gekennzeichnet. In jenem Sommer unterrichtete Swami eine Gruppe am Sommerwohnsitz eines Studenten im Thousand Islands Park. Diese Vorträge sind heute in einem Buch mit dem Titel Inspired Talks nachzulesen.

Im Herbst 1895 reiste Swami nach England, um dort die Menschen aufzurütteln. Als er dann im Dezember zurückkehrte, unterrichtete er nicht mehr ausschließlich, sondern begann auch, die vier Yogas zu veröffentlichen. Raja Yoga, eine Einführung in und Kommentar zu Patanyalis Yoga Sutras, beeindruckte die Zuhörer in aller Welt zutiefst. Der große Psychologe und Philosoph William James soll es mit großen psychologischen und spirituellen Vorzügen in die Praxis umgesetzt haben. Swami wurde nach Harvard eingeladen, wo er im Graduate Philosophical Club sprach. Er machte so großen Eindruck auf den Rektor und andere Professoren, dass ihm eine volle Professorenstelle angeboten wurde (die er ablehnte). Einer seiner New Yorker Studenten fragte Swami, weshalb er niemals über die Sünde sprach. Er antwortete: „Gesegnet sind meine Sünden… Es sind meine Sünden, genauso wie meine Tugenden, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.“ Ein anderer Student sprach von der überwältigenden Kraft seiner Anwesenheit und meinte, einige Zuhörer seien nach manchen Vorträgen buchstäblich erschöpft.

Während Swamis zweiten Besuch im Westen wurde er sich bei einem Vortrag in New York seiner Macht über seine Zuhörer bewusst und brach den Vortrag ab, aus Angst, sie alle in Jünger zu verwandeln. Ein weiterer Lehrsatz überraschte die Amerikaner: „Die Menschen sind Gott. Ihnen zu dienen ist Anbetung.“ Josephine MacLeod meinte, seine Kraft lag in dem Mut, den er anderen vermittelte, um diese edlen Lehren in die Praxis umzusetzen.

Bill Davis

Bill Davis ist Vizepräsident des Vorstands der Vedanta Society of New York. Er ist ein Anhänger von Swami Pavitrananda. Zur Vedanta Society of NY kam er in 1972. Nach einer Berufslaufbahn als Psychologe lebt und arbeitet er nun ehrenamtlich am Vivekananda Retreat in Ridgeley.
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