Erbe

Die Seltenheit einer lebendigen Kultur

Heft 05, 2019

Die Seltenheit einer lebendigen Kultur

Amish (Tripathi) |Autor

Heft 05, 2019


Amish, einer von Indiens Bestseller-Autoren, der in der Mythologie nach Inspiration sucht und dessen Shiva-Trilogie die am schnellsten verkaufte Buchreihe in der Verlagsgeschichte des Landes ist, schreibt exklusiv für Perspektiven Indien über die zeitgenössische Relevanz alter indischer Texte

Was ist die Wahrheit? „SatyamevaJayate“, meint MundakaUpanishad. Nur die Wahrheit zählt. Wer würde dem widersprechen? Oder wie unsere Vorfahren gesagt hätten, „nissandeha“, ohne Zweifel. Aber was ist die Wahrheit? Ist es meine oder deine Wahrheit? Gibt es so etwas wie eine universelle Wahrheit? Ist Unwahrheit das Gegenteil von Wahrheit? Hat Wahrheit mit Fakten zu tun? Mit verifizierbaren Daten? Oder könnte sie archetypisch sein? Die Wahrheit der Intentionen?

Ich weiß es nicht. Aber unsere reichen Geschichten vermitteln uns ein ausgeklügeltes Verständnis, indem sie uns zu den Ideen unserer Vorfahren zurückführt. Diese uralten Geschichten sind eine Aufforderung, sich auf die Suche nach Antworten zu begeben, die immer aktuell und relevant sein werden. Denn sie helfen uns, das Leben und unsere Rolle darin zu verstehen. Aus diesem Grund bleiben sie aktuell und sind in unserer kollektiven Vorstellungskraft lebendig. Man denke an den Zustand anderer alter Zivilisationen. Thor (der germanische Gott) wurde aus Skandinavien verbannt, der Sonnengott Ra ließ sich in Ägypten nieder und Zeus lag verbrannt im Schnee des Berges Olympos. Aber die Geschichten von Lord Rama sind in Indien immer noch präsent; Lord Krishna versetzt uns in Verzückung und der wunderbare Lord Shiva tanzt immer noch in unseren Herzen. Eine AkhandRamayan-Lesung in einem indischen Haushalt lässt die Zeit auch in der heutigen Hektik stillstehen, und die Inder werden niemals müde, die verwirrenden Charaktere des Mahabharata zu analysieren.

Moderne Interpretationen des Mahabharata und Ramayana beinhalten die ursprünglichen Werte der Gerechtigkeit, Liebe und des Mitgefühls und werden mit zeitgenössischen Elementen präsentiert

Eine faule Analyse könnte lauten, dass unsere Kultur und Geschichten so reich sind im Vergleich zu anderen alten Zivilisationen wie den Griechen und Ägyptern. Aber ich möchte vor dieser Hybris warnen. Zweifellos sind unsere Geschichten entzückend. Aber dies gilt auch für die griechischen Mythen um Zeus und sein Gefolge vom Olympos, die genauso wundervoll und bedeutungsschwer sind. Der den Hammerschwingende Thor war eine inspirierende Figur aus der nordischen Mythologie (einige meinen, dass das englische Thursday eigentlich von Thor’sday abstammt). Weshalb sind diese mächtigen Götter in der Anonymität verschwunden? Ich glaube, weil sie ihre Relevanz für das Leben der Menschen verloren haben.

Aber warum war das in Indien nicht der Fall? Nach meiner Meinung liegt dies an unserer genialen Begabung für die Modernisierung und Lokalisierung unserer Mythen.Prüfen wir diese Aussage einmal anhand eines unserer beliebtesten Epen, dem Ramayana. In den 1980er Jahren modernisierte eine Fernsehserie Lord Ramas Geschichte für unser Zeitalter. Die Serie basierte weitgehend auf den Ramcharitmanas, die der Gelehrte Tulsidas im 16. Jahrhundert verfasst hat, aber dieser hatte selbst an dem Original ValmikiRamayana erhebliche Änderungen vorgenommen und so die Geschichte von Lord Rama an die Zeit angepasst, in der er lebte. Das KambaRamayana aus dem Süden passte das Epos an die Empfindlichkeiten des 12. Jahrhunderts an. Auf dieses Weise haben sich die Geschichten unserer Götter und Göttinnen konstant weiterentwickelt, indem sie das Beste aus den alten Fassungen bewahrt, aber auch attraktive Neuerungen hinzugefügt haben und somit unsere Geschichten relevant, zeitlos-modern und am Leben gehalten haben.

Eine große Felsrelief-Ritzung in Mamallapuram, Tamil Nadu, die Arjunas Buße darstellt. Mahabalipuram (Mamallapuram) ist immer noch eine der größten Touristenattraktionen des Bundesstaats

Man denke nur an Mahabharata,das uns von der Verlockung des Urteilens hin in die einladenden Arme des Mitgefühls und Verständnisses leitet, wo Nuancen möglich sind. Wir sehen auch Schwächen bei Pandavas und Stärken bei Kauravs. Wir sind verwirrt von Lord Krishna und verblüfft, dass sogar hinter Shakuni (eine extrem intelligente, aber hinterhältige Figur aus dem Mahabharata) eine Geschichte steckt, die ihn rachelustig werden lässt – verständlicherweise in den Augen mancher. Und dennoch: hätten die Kauravas gewonnen und die Pandavas verloren, wäre etwas nicht richtig erschienen… Die Debatte läuft weiter und das Leben ist immer noch irritierend. Unser Kampf dauert an und nur in den tiefsten Winkeln unserer Herzen wissen wir, welche Handlungen von unserem Ego oder von der Liebe gesteuert werden. Das Mahabharata ist nicht leicht verständlich. Die Gita bietet Antworten, aber stellt auch einige Fragen. Zweifel sind jedoch gut, weil sie die Neugier anregen, wenn sie klug gesteuert werden. Nur reife und weise Menschen können unsere Texte wirklich verstehen. Denn sie behandeln uns nicht wie ein Kind, das definitive Befehle braucht, sondern wie Erwachsene, die ermutigt werden müssen, um sich weiterzuentwickeln. Es ist ein Kreislauf, der unsere alte Kultur am Leben gehalten hat.

So bleiben unsere Epen am Leben, weil sich Religion und Liberalismus historisch in Indien nicht im Krieg befanden. Folglich haben die verschiedenen Religionen gelernt, zu koexistieren und offen zu sein – wir schätzen die Modernisierung und Regionalisierung und halten dabei hartnäckig an den besten Verfahrensweisen unserer Vorfahren fest. Somit bleibt unsere Theologie relevant. Auf kontraintuitive Weise ist es möglich, dass der Liberalismus die Religiosität befeuert und umgekehrt. Und unser Indien, dieses wunderschöne Land, war schon immer kontraintuitiv!

Bollywood-Schauspieler AmitabhBachchan mit dem Autor AmishTripathi während der Party anlässlich des weltweiten Erfolges eines seiner Bücher

Amish (Tripathi)

Amish (Tripathi) ist preisgekrönter Autor der Shiva-Trilogie und der Ram Chandra-Reihe. Amish ist leidenschaftlicher Leser und Forscher und außerdem Direktor des Nehru Centre (London), das den kulturellen Austausch zwischen Indien und dem Vereinigten Königreich fördert.
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