Erbe

Das Kolkata des Nawabs

Heft 03, 2019

Das Kolkata des Nawabs

Ayandrali Dutta |Autor

Heft 03, 2019


Als Wajid Ali-Shah, der letzte Nawab von Awadh, von den Briten ins Exil verbannt wurde, schuf er ein Mini-Lucknow in der Stadt der Freude. Sein Ururenkel Shahenshah Mirza erinnert sich an die Pracht der vergangenen Tage

Als der Oscar-preisgekrönte Regisseur Satyajit Ray vor vier Jahrzehnten in einem Imambara in Metiabruz am Rande von Kolkata wohnte, um dort weite Teile seines legendären Films Shatranj Ke Khiladi (der in 1977 veröffentlicht wurde) zu drehen, war dies wahrscheinlich keine zufällige Wahl. Das Imambara in Metiabruz im südwestlichen Kolkata war der Ort, an dem der von den Briten verbannte Wajid Ali Shah, Awadhs 10. und letzter Nawab, im Exil lebte. Es war ein perfekter Drehort für den Film, der den Niedergang der Herrschaft dieses Nawabs und seines Königreichs subtil beschrieb. Heute ist alles, was von den 31 Jahren blieb, die Wajid Ali Shah hier ab 1856 verbrachte, das ausgedehnte Imambara, die Shah Masjid, eine prachtvolle Mosche, die er fast 10 Jahre nach Beginn seines Exils baute, und die Erinnerungen seines Ururenkels Shahenshah Mirza. Durch die Verbannung des Nawabs aus Lucknow hatten die Briten ihm nicht nur seinen Komfort genommen, sondern konfiszierten auch sein Land und seinen Besitz. Aber der starke König war nicht geschlagen. Er baute in Metiabruz eine Replik seiner Lieblingsstadt – er brachte Lucknow in das damalige Kalkutta. Er baute einen Zoo, führte das Drachenfliegen, die Küche aus Lucknow, die Lucknow-Gharana für Musik und Tank und Lucknows Stickerei Chikankari ein. Die bengalische Elite war vom kulturellen Glanz des Königs beeindruckt, und so begann die Verbindung zwischen Bengalen und dem königlichen Erbe von Lucknow.

Das Eintrittstor zu Sibtainabad Imambara, von innen aufgenommen

Der Bungalow

In Kolkata wurde Bungalow 11 in Metiaburz zu seiner Residenz. Es war einst der Sitz des damaligen Obersten Richters des Supreme Court, Sir Lawrence Peel, gewesen. Als der Nawab in das Haus zog, benannte er es in Sultan Khana um und begann mit der Umwandlung in ein „Duniyabi Jannat“ oder den Himmel auf Erden. Heute heißt der Bungalow BNR House und ist Wohnsitz des Generalmanagers von South Eastern Railway. Der Eintritt in das Gebäude ist nur eingeschränkt möglich, aber mit Erlaubnis von South Eastern Railway können Rundgänge organisiert werden.

Klein-Lucknow

Während der Zeit des Nawabs sorgten die Mitglieder seiner Familie und seines Hofs, die die königliche Entourage begleitet und sich in Metiaburz niedergelassen hatten, für die Verbreitung des reinen Urdu, von Kleidungsstücken wie Sherwanis, Churidar, Salwar Kameez, Sharara-Gharara, von Sportarten wie Hahnenkämpfen, Drachenfliegen, Ringkampf und organisierten Mushairas (Dichtkunst-Symposien), genauso wie in ihrer Heimatstadt. Die Herrscher von Awadh waren große Gourmets und dies zeigte sich auch in Metiabruz. „Die königliche Tradition des Kabootarbaazi (Taubenkampfs) entstand in dieser Zeit, denn der Nawab selbst besaß rund 24.000 Tauben. In der königlichen Küche wurden von den Köchen aus Awadh, die dem Nawab nach Bengalen gefolgt waren, köstliche und exotische Gerichte wie Murg Mussalam, Biryani, Bater (Rebhuhn), Nargisi Koftas, Mutanjan, Sheermal und Zarda zubereitet. Vornehme Gäste aus Kolkata wurden zu üppigen Festmahlen eingeladen“, erzählt Shahenshah Mirza. Mit dem Tod des Nawab endete jedoch auch die glorreiche Zeit. Zum Zeitpunkt seines Todes umfassten die Ländereien von Wajid Ali Shah 257 Bighas (eine alte Maßeinheit für Land) mit rund 20 Gebäuden. Heute sind nur die Moscheen übriggeblieben.

Shahi Masjid – Iron Gate Road

Wie der Name sagt, besteht das Tor der Iron Gate Road aus Eisen. Es markierte den Eintritt in das Reich des Königs. An dieser Straße steht die Shahi Masjid oder Königliche Moschee, die in 1856 – 57 gebaut wurde. Sie war wahrscheinlich das erste Gebäude, das der Nawab für seine persönliche Nutzung baute. Der Legende nach forderte er eine beliebige Person auf, die keines der fünf täglichen Gebete verpasst hatte, nach vorne zu treten und den Grundstein zu legen. Als niemand vortrat, tat er es selbst. Das Gebäude verfügt über keinerlei Kuppeln oder Minarette und über einen Brunnen, der jedoch nicht funktioniert. Dieser wird heute für Wazu (Reinigung vor dem Gebet) verwendet.

Bait-Un-Nijat Imambara

Bait-un-Nijat Imambara (Haus der Erleichterung) befindet sich an der Garden Reach Road in der Nähe von Kamal Talkies. Es wird auch Hussainia, Ashurkhana oder Imambara genannt und ist eine Versammlungshalle für religiöse Zeremonien. Der Nawab ließ es im Jahr 1863 bauen, um mit seiner Familie Muharram zu begehen. Das einstöckige Gebäude verfügt über rundgezackte Bögen, grüne Terrassentüren und gusseiserne Geländer.

Shahenshah Mirza

Sibtainabad Imambara

Spuren der Liebe des Nawabs für Opulenz sind im Sibtainabad Imambara zu sehen, wo sich sein Grab befindet. Eine Replik von Bada Imambara aus Lucknow, wenn auch in viel kleinerem Maßstab, wurde in 1864 errichtet. Die Opulenz zeigt sich in den polierten Marmorfliesen, den belgischen Glaslampen und den verzierten Textilien, die der Nawab aus Lucknow mitgebracht hatte. Über dem Haupteingang steht das Awadh-Wappen und darüber eine offene Handfläche, genannt „Hamsa Hand“, was symbolisch für die fünf heiligsten Menschen im Islam steht. Die Wände sind mit Versen aus Gedichten des Nawabs und mit islamischen Weisheiten geschmückt. Eine Vitrine enthält zahlreiche Erinnerungsstücke, darunter einen Koran, den der Nawab selbst abgeschrieben haben soll.

Begum Umda Mahal Imambara

Das Imambara von Begum Umda Mahal wurde für eine der Frauen des Nawabs aus Bengalen errichtet. Es liegt westlich von Sibtainabad Imambara und sein Äußeres ist marode. Innen ist es zwar verfallen, aber doch überraschend schön. Allerdings ist nichts vom Lucknow des Nawabs verblieben, die meisten königlichen Stücke wurden zerstört, geraubt oder sind in einem Museum ausgestellt. „Nach seinem Tod zerfiel der berühmte Staat des Nawabs und die Dinge nahmen einen anderen Verlauf“, erklärt Miza. Die Hoffnung stirbt jedoch zuletzt. „Kolkata hat eine lange Entwicklung hinter sich. In den meisten alten Gebäuden der Stadt finden Restaurierungsarbeiten statt und vielleicht wird auch der Ruhm des Nawabs wieder zum Leben erweckt“, fügt er hinzu.

Ayandrali Dutta

Eine Streunerin aus Leidenschaft, Schriftstellerin von Beruf und selbstgewählte Chefköchin – Entdeckerin neuer Gegenden, Bücher, Tees und Versammlungsorte: all dies beschreibt Ayandrali ganz gut. Ihre Neugier treibt sie zu weiteren Entdeckungen an.
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