Fortschritt

Grüne Verantwortung

Heft 04, 2019

Grüne Verantwortung

Vineyak Surya Swami |Autor

Heft 04, 2019


Da Wandern die ideale Aktivität ist, um dem Lärm der Stadt zu entfliehen, sehen wir uns einige Möglichkeiten an, wie der Anblick der Natur, die unsere Aufmerksamkeit seit ewigen Zeiten fesselt, bewahrt werden kann

Während ich den kurvigen, aber betonierten Weg entlangmarschiere, der zum Kanamo Gipfel im Spiti Valley in Himachal Pradesh hinaufführt, erinnere ich mich unweigerlich an meine Reise vor fünf Jahren durch dasselbe Gebiet, als es noch eine karge Landschaft war. Heute sieht die Szenerie allerdings anders aus. Ich entdecke Solarstraßenlampen, Schulen aus Beton mit glücklichen Schülern und eine robuste Infrastruktur – etwas, das es vor gerade mal einem Jahrzehnt nicht gab. Begehbar ist ein Ausdruck, der einem zum Kanamo Gipfel einfällt, und somit einfache Zugänglichkeit. Die zahlreichen Wege, die durch das Kibber- und Chicham-Tal unterwegs führen, werden sowohl von erfahrenen Wanderern als auch von Anfängern genutzt, wobei Letztere normalerweise auf Anerkennung aus sind, wenn sie auf solchen Höhen wandern.Meistens führt eine starke Frequentierung zu unerwünschten Effekten in der jeweiligen Region, aber das Szenario vor mir ist ziemlich positiv.

Ich sehe unter anderem gut ausgeschilderte Wege, Warnpfosten und eine gut ausgebaute Infrastruktur für Touristen und Einheimische. Da die Städte vor Aktivität brummen und der Zugang zu saisonalen Zielen der bestimmende Faktor ist, verwischt die dünne Linie zwischen passionierten Reisenden und Abenteuerfans. Und im Lauf der Jahre haben sich auch die Präferenzen der Reisenden verändert. Sie wollen heute mehr denn je zuvor die Grenzen der Bequemlichkeit hinter sich lassen und die Natur in ihrer unveränderten Bestform erleben, was zu einem weitverbreiteten Interesse an Wanderungen im Hinterland führt.

Aber diese graduelle Veränderung hat ihren Preis. Da sich die Menschen entschieden haben, die buchstäblich ausgetretenen Pfade zu verlassen und sich in bis dato unerforschtem Gelände bewegen, mussten die Ökosysteme im ganzen Land mit dem Abfall fertigwerden, den große Wandergruppen auf ihrem Weg hinterließen.

Eine Lösung finden

Im Lauf des letzten Jahrzehnts ist die Nutzung bestimmter Wege – seien es abgelegene Pässe im Hochhimalaya, die erhaltenen Burgen entlang der Western Ghats oder die üppig grünen Hügel im nordöstlichen Grenzgebiet – exponentiell angestiegen. Durch die zunehmende Frequenz und die mehrfach aktiven Tourenveranstalter entstanden Schäden in diesen sehr sensiblen Ökosystemen. In der heutigen Zeit ist es unabdingbar, dass wir für die Erhaltung der Schönheit und Intaktheit der ökologisch sensiblen Zonen im Herzen der Himalaya-Einsamkeit die Verantwortung übernehmen. Nur sehr wenige verantwortungsbewusste Agenturen sehen sich in der Verantwortung, eine Lösung für das Abfallproblem in diesen Gegenden zu finden. Im Lauf der Jahre haben sich diese Organisationen unermüdlich dafür engagiert, praxisbezogene und durch die Kommunen geleitete Abfallwirtschaftsinitiativen in ländlichen, städtischen und geschützten Gegenden zu entwickeln.

In den letzten drei Jahren gelangten fast 50 Prozent der gesammelten Abfälle durch Recycling und Upcycling nicht mehr auf Deponien

 Es herrschte allgemeine Apathie und ein Mangel an Bewusstsein, sodass zahlreiche Verhaltensänderungen notwendig waren. Damit ein diesbezüglicher Plan erfolgreich sein konnte, mussten alle Beteiligten kooperieren und ihn unterstützen – Wanderer, Wander- und Tourismusorganisationen, die Dörfer, NGOs und die Regierung. Die Vision, unsere unberührten Berge in einen besseren Zustand zu versetzen, wurde in einer Initiative namens Green Trails formuliert. Die Idee war, Verantwortung in jeden Aspekt der Reise durch die Ökozonen zu integrieren, die landschaftlich schön sind, aber über keine geeignete Methode oder Infrastruktur verfügen, um den ständig steigenden Abfallberg zu bewältigen.

Weniger ist mehr

Seit der Entstehung der Idee haben sich verschiedene ‚Waste Warriors‘-Initiativen entwickelt. Beginnend mit innovativen Lösungen für Bio- und Feststoffabfall haben sich die Programme weiterentwickelt und enthalten jetzt auch Konzepte für die Reinigung ganzer Gebiete durch wöchentliche Reinigungsfahrten, Mülltonnen und verschiedene Abfallsammelpunkte, was das Problem der Abfalltrennung vereinfacht. Ein Beispiel hierfür sind die großen Fortschritte in Richtung einer Zero-Waste-Politik bei den berühmten Bhagsu-Wasserfällen in Dharamsala. Ein weiterer bahnbrechender Schritt, eingeführt durch Indiahikes, war die Umlenkung von Abfall weg von Deponien, die zu chronischer über- und unterirdischer Verunreinigung der Ressourcen führen. In den letzten drei Jahren gelangten fast 50 Prozent der gesammelten Abfälle durch Recycling und Upcycling nicht mehr auf Deponien. Indiahikes verfolgt dabei Mahatma Gandhis Philosophie: „Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst“. „Wir fingen damit an, den Abfall zu identifizieren, den wir als Organisation erzeugten, und Wege zu dessen Reduzierung zu finden. Wir veränderten dann unser Essverhalten und verwendeten keine verpackten Waren mehr. Auf Wanderungen arbeiteten wir mit Dhabas zusammen und informierten sie über Abfalltrennung und Kompostierung von Biomüll am Entstehungsort. Wir halfen ihnen, ihren Abfall regelmäßig zu reduzieren. Viele veränderten ihre Essgewohnheiten und verwendeten regionale Produkte statt verarbeiteter Lebensmittel“, erzählt Lakshmi, die Vorsitzende der Green Trails Initiative (Schulung und Einweisung) bei Indiahikes.

Ein Beispiel für eine Hütte, gebaut aus Flaschenbausteinen Unten: In einer Schule in Jaubhari, einem der Dörfer am Wanderweg nach Sandakhpu, finden Abfallmanagementkurse statt

Effektive Mobilisierung

Die Mitglieder der Initiative führen in allen Bereichen Innovationen durch. Von der Entwicklung von Öko-Toiletten, die bei Temperaturen unter null Grad funktionieren, bis zu Energie-Management und Konservierung. Sie engagieren sich auch für die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks durch Ökotaschen für recycelbaren und nicht-recycelbaren Müll aus den Bergen, die ein Muss für jede Indiahike-Gruppe geworden sind. Und die Ergebnisse sind sichtbar. Auf den Wegen nach Sandakhpu (einem der höchsten Gipfel an der indisch-nepalesischen Grenze) und Lohajung (dem Basis-Camp für den Weg zum Roopkund-See) haben diese einfachen Trennungs- und Upcycling-Methoden zu dem geführt, was man nur als ‚massive Öko-Wiederherstellung‘ bezeichnen kann. Seit der Einführung wurden mehr als 54.000 kg gesammelter Abfall erfasst. Die Verwendung von Plastiktüten ist deutlich zurückgegangen. Die Trockenkompost-Toiletten stellen sicher, dass menschliche Exkremente nicht die Wasserquellen verunreinigen und entwickeln außerdem nach sechs Monaten einen reichhaltigen Bodendünger. Die Richtlinie, in der Nähe von Wasserströmen keine Wäsche zu waschen, hat dazu beigetragen, den Zufluss von Waschmittel in die Hauptwasserströme zu reduzieren.

Umsetzung der Vision

Da die Green Trails viel Beachtung fanden, erkannten die Gründungsmitglieder bei Indiahikes die Notwendigkeit eines Perspektivwechsels und einer Neuausrichtung. Es war wichtig, die riesigen Vorteile zu sehen, die der Aufenthalt in der Natur bietet, und dies auf eine Weise zu gestalten, der die Natur am wenigsten beeinträchtigt. Es gibt ein gestiegenes Bewusstsein für das Müllproblem auf Wanderwegen. Green Trails konnte grundegende Nachhaltigkeitspraktiken standardmäßig auf den meisten Wanderrouten im Himalayaeinführen. Die traditionelle Methode der Anwendung von Regeln und strengen Bestimmungen wurde durch Kooperation und Selbstregulierung ersetzt. Es wurden Dialoge initiiert, in denen über einen besseren Schutz ökosensibler Zonen diskutiert wird, und in vielen Regionen im ganzen Land werden allmählich spezielle Normen eingeführt, durch die nachhaltiges und positives Wachstum für die jeweiligen Zonen gewährleistet ist. Unternehmen gehen voran und weisen den Weg, wie Abfall effizient am Entstehungsort gemanagt werden kann. Upcycling scheint eine logische Wahl zu sein: einfach, effektiv und leicht messbar. Indiahikes hat Frauen aus den Dörfern vor Ort eingebunden, die Upcycling-Produkte verarbeiten – was ihre finanzielle Stabilität während des Prozesses garantiert – und porträtiert das Abfallproblem heute als eines, das leicht gelöst werden kann.

Vineyak Surya Swami

Vinayak Surya Swami ist Journalist aus Delhi. Er hat einen Abschluss in Maschinenbau und war Schiffsbau-Auszubildender bei der indischen Marine. Er ist schon seit seinen Teenagerjahren Teilzeitschriftsteller und wechselte ins Journalismusfach, um seine Liebe zum Schreiben und Reisen auszuleben.
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