Partnerschaft

Die Geschichte zweier freundlich gesinnter Nachbarn

Heft 06, 2020

Die Geschichte zweier freundlich gesinnter Nachbarn

Pinak Ranjan Chakravarty |Autor

Heft 06, 2020


Der virtuelle Gipfel zwischen dem indischen Premierminister Narendra Modi und seiner bangladeschischen Kollegin Sheikh Hasina am 17. Dezember 2020 fand am Tag des Sieges statt, der an den Krieg von 1971 erinnert. Bei dem Treffen bekräftigten die beiden Regierungsführer, dass sie sich für die Vision engerer Beziehungen einsetzen wollen

Alljährlich begehen Bangladesch und Indien am 16. Dezember „Bijoy Dibosh“ (den Tag des Sieges), um an das Kriegsende im Jahr 1971 zu erinnern. An diesem Tag ergab sich die Armee Pakistans in Bangladesch dem gemeinsamen Kommando der indischen Armee und ‚Mukti Bahini‘. Diese historische und bedeutsame Kapitulation beendete den heldenhaften Freiheitskampf, der schließlich zur Entstehung Bangladeschs führte. Bangladeschs entschlossener Weg Richtung Unabhängigkeit war ein geopolitischer Vorgang von enormer Tragweise in Südasien. Es feiert dieses Jahr den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Dieses Jahr steht auch für 50 Jahre des indischen Sieges über Pakistan im Jahr 1971, was ganzjährig als ‚Swarnim Vijay Varsh‘ gefeiert wird. Sowohl Indien wie auch Bangladesch haben umfangreiche Programme mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktivitäten zusammengestellt, um an den epochalen Sieg zu erinnern, der zur Geburt Bangladeschs führte.Die Aufwärtstendenz der bilateralen Beziehungen zwischen Bangladesch und Indien in den letzten Jahren ist weitgehend dem Engagement der Regierungsführer der beiden Länder geschuldet, die Vision engerer Beziehungen zu verfolgen und neue Kooperationsmöglichkeiten zu eröffnen. Bei ihrem virtuellen Gipfeltreffen am 17. Dezember 2020 bekräftigten die bangladeschische Premierministerin Sheikh Hasina und der indische Premierminister Narendra Modi diese Politik der starken nachbarschaftlichen Beziehungen „basierend auf den gemeinsamen Banden der Geschichte, Kultur, Sprache und anderer einzigartiger Gemeinsamkeiten, die diese Partnerschaft kennzeichnen“. Sie betonten, dass die Beziehungen zwischen Bangladesch und Indien auf Brüderlichkeit und einer allumfassenden Partnerschaft auf der Grundlage von Souveränität, Gleichheit, Vertrauen und Verständnis basieren, was über eine strategische Partnerschaft hinausgeht.

Der indische Premierminister Narendra Modi (rechts) begrüßt die bangladeschische Premierminister Sheikh Hasina am 5. Oktober 2019 in Neu Delhi

Im Rahmen der „Neighbourhood First“-Politik hat Indien seine produktiven Beziehungen zu Bangladesch beharrlich verbessert. Diese haben einen Zustand erreicht, in dem auf verschiedensten Sektoren beeindruckende Kooperationsfortschritte zu verzeichnen sind. Die Gemeinsame Beratungskommission, die sich im September 2020 zum sechsten Mal traf, leitet die Umsetzung dieses Prozesses an.Während des jüngsten Gipfeltreffens weihten die beiden Premierminister den fünften Abschnitt der Bahnverbindung zwischen Haldibari in Westbengalen und Chilahati in Bangladesch ein. Die Bahnverbindungen zwischen beiden Ländern waren von Pakistan nach dem Krieg zwischen Indien und Pakistan im Jahr 1954 komplett gekappt worden. Nachdem Bangladesch im Jahr 1971 unabhängig geworden war, wurden einige Verbindungen wieder aufgenommen, aber erst in den letzten Jahren hat diese Entwicklung mit der zunehmenden Nachfrage nach Fracht- und Personenbeförderung zwischen beiden Ländern Fahrt aufgenommen. Nachdem Handel und Tourismus allmählich wieder das Volumen und die Frequenz aus den Zeiten vor COVID erreichen, werden von Seiten der Wirtschaft zunehmend Forderungen nach einer Reduzierung der Transport- und Reisekosten laut. Die meisten ausländischen Touristen in Indien stammen aus Bangladesch. Folglich bemühen sich nun beide Länder um weitere grenzüberschreitende Bahnknotenpunkte, welche den Andrang an den bestehenden Grenzübergängen mindern und für eine unkomplizierte und deutlich schnellere Fracht- und Personenbeförderung sorgen würden.Die multimodale Anbindung ist ein weiterer wichtiger Sektor für beide Länder. Die Flussrouten für den grenzüberschreitenden Transport werden in regelmäßigen Abständen erweitert. Es gibt 54 grenzüberschreitende Flüsse, die gemäß dem Binnengewässer-Handels- und Transitabkommen (PIWITT) schiffbar sind. Die Umladung von Fracht von Kolkata nach Agartala über den Hafen Chittagong wird gemeinsam mit der zusätzlichen Flussroute zwischen Sonamura und Daudkani den Handel zwischen beiden Ländern erleichtern. Ein Abschnitt des Ganges (Padma in Bangladesch) stellt einen Teil der Flussgrenze zwischen den beiden Ländern dar.

Der Fluss mäandert leicht und fließt nach Bangladesch und durch den Distrikt Rajshahi in Bangladesch wieder zurück nach Indien. Dies stellt für die Fischer und den Passagierverkehr auf dem Fluss eine Herausforderung dar, da somit eine Auslandsgrenze überquert wird. Indien will über Bangladeschs Vorschlag eines „Rechts der friedlichen Durchfahrt“ nachdenken, wodurch Boote auf der Flussroute nach Indien und dann zurück nach Bangladesch einreisen könnten, ohne die formellen Prozeduren des internationalen Grenzverkehrs zu durchlaufen.Das Kraftfahrzeugabkommen (MVV) für die BBIN-Region (Bangladesch, Bhutan, Indien und Nepal) wird demnächst abgeschlossen und wird den Fahrzeugverkehr zwischen den beiden Ländern vereinfachen. Ein weiteres Straßenanbindungsprojekt ist zwischen Hilli (Westbengalen) und Mahendraganj (Meghalaya) via Bangladesch geplant. Bangladesch möchte auch Teil des trilateralen Highway zwischen Indien, Myanmar und Thailand werden, der Indien mit den ASEAN-Ländern verbindet. Bangladesch und Indien teilen eine 4.097 km lange Landesgrenze. An verschiedenen Grenzabschnitten bilden Flüssen die internationale Grenze. Da diese in der Deltaregion dazu tendieren, ihren Verlauf zu ändern, wird die Herausforderung der Grenzfestlegung in der Gemeinsamen Grenzkonferenz besprochen. Nach der Ländergrenzenvereinbarung aus dem Jahr 2014 laufen die Implementierungsmaßnahmen und die Erstellung von Karten entlang der Flussgrenzen. Um illegale Grenzübertretungsaktivitäten zu verhindern, hat Indien an bestimmten Bereichen der Landesgrenze einen Zaun errichtet. Aufgrund von illegalen Grenzübertretungsaktivitäten gab es Zusammenstöße zwischen den indischen Grenzsicherheitskräften und Schmugglern. Der Zaun hat zur Reduzierung dieser illegalen Aktivitäten beigetragen, und beide Länder sind übereingekommen, diesen entlang der gemeinsamen Grenze in Tripura in Indien fertigzustellen. Mithilfe des Koordinierten Grenzverwaltungsplans sind die Grenzwachen auf beiden Seiten in der Lage, Menschenhandel und den Schmuggel von Waffen, Betäubungsmitteln und Falschgeld zu unterbinden und zu reduzieren. Der rechtmäßige Grenzübertritt von Personen über gemeinsame Grenzübergänge wird optimiert.

Indische Vertreter veranlassen am 17. Dezember 2016 eine Goodwill-Zuglieferung von Siliguri, Indien, nach Parbatipur, Bangladesch

Da beide Länder mit der Pandemie zu kämpfen haben, ist der Gesundheitssektor in der Prioritätenliste für bilaterale Kooperation nach oben geschnellt. In diesem Sektor gibt es einen enormen Spielraum für Kooperation, insbesondere bei medizinischer Ausbildung, der Herstellung von medizinischer Ausrüstung und Medikamenten. Bereits vor einiger Zeit ist bangladeschischen Staatsbürgern die Einreise nach Indien zum Zwecke einer medizinischen Behandlung erleichtert worden. PM Modi hatte PM Hasina versichert, dass Bangladesch unter den Ländern sei, die in Indien hergestellten Impfstoff bevorzugt erhalten werden. Im Rahmen der Initiative #VaccineMaitri spendete die indische Regierung im Januar 2021 zwei Millionen Dosen des in Indien hergestellten Covid-19-Impfstoffs an Bangladesch, gefolgt von einer ersten Sendung von fünf Millionen Dosen des Covishield-Impfstoffs im Rahmen einer kommerziellen Beschaffungsvereinbarung. Der Bildungs- und Kulturaustausch zwischen Indien und Bangladesch hat eine lange, reiche Geschichte. Die gemeinsame Kultur der beiden Länder wird auch während der einjährigen Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Bangladeschs und zum 100. Geburtstag von Bangabandhu Sheikh Mujibur Rahman, der als „Vater der Nation“ gilt, deutlich werden. In diesem Rahmen findet auch eine Veröffentlichung von Gedenkbriefmarken zu Ehren von Bangabandhu und Mahatma Gandhi durch das jeweilige Land statt. Derzeit wird eine digitale Ausstellung zum Leben dieser beiden Führungspersonen in Neu Delhi gezeigt, die später um die Welt gehen wird.

Bangladesch ist Indiens größter Entwicklungspartner und Indien hat Bangladesch Kreditlinien und Darlehen in Höhe von 10 Milliarden USD zugesagt. Bangladesch ist außerdem mit einem Gesamthandelsvolumen von rund 10 Milliarden USD Indiens größter Handelspartner in Südasien. Beide Seiten sind entschlossen, nicht-tarifäre Handelshemmnisse und weitere Handelsbeschränkungen abzubauen. Bangladesch ist ein wichtiger Markt für den Export essentieller Lebensmittel aus Indien. Auf der anderen Seite ist der Textilsektor für Bangladesch von entscheidender Bedeutung, wobei Konfektionsware mehr als 80 Prozent seiner Exporte ausmacht. Beide Ländern arbeiten derzeit eine Vereinbarung über engere wirtschaftliche Zusammenarbeit (CEPA) aus, welche dem bilateralen Handel weiteren Schwung verleihen soll.Auch der Energiesektor ist ein zentrales Feld der bilateralen Kooperation. Bangladeschs Energieknappheit wurde durch Elektrizität aus Indien gemindert. Derzeit werden zwei Kraftwerke von indischen Privatunternehmen errichtet, um Strom nach Bangladesch zu exportieren. Eine Pipeline für die Lieferung von Erdölprodukten und Schmierstoffen von Indien nach Bangladesch wird aktuell umgesetzt. In Anbetracht des beiderseitigen Interesses an der Förderung sauberer Brennstoffe wollen beide Länder nun einen größeren Fokus auf effiziente und erneuerbare Energiequellen legen, indem man sich auf regionaler Ebene mit Bhutan und Nepal abstimmt und kooperiert.Der Zustrom von rund 1,1 Millionen Flüchtlingen nach Bangladesch, die aus Rakhain in Myanmar vertrieben wurden, bleibt ein gemeinsames Anliegen. Indien hat seinen tiefen Respekt für Bangladeschs Großzügigkeit bei der Aufnahme dieser Flüchtlinge ausgedrückt und seine humanitäre Unterstützung erweitert. Bangladesch und Indien haben vereinbart, bei der schnellen Rückführung und sicheren Wiedereingliederung der Flüchtlinge zu kooperieren. Auch auf internationaler Ebene haben sich beide Länder bei zahlreichen Themen wie den Reformen des UN-Sicherheitsrats, dem Klimawandel, nachhaltigen Entwicklungszielen und dem Schutz der Rechte von Migranten abgestimmt.Bangladesch und Indien entwickeln allmählich einen Rahmen für integrierte Kooperation, um in allen Bereichen höhere Synergien zu erreichen. Für Indien ist Bangladesch mittlerweile eine feste Säule im Rahmen der „Act East“-Politik, die eine engere Anbindung und bessere Beziehungen zu den ASEAN- und anderen Ländern in der indo-pazifischen Region anstrebt. In der Zeit nach COVID und in Anbetracht des sich fortsetzenden Trends der internationalen Machtverschiebungen werden Bangladesch und Indien ihre Beziehungen weiter stärken. Dies wird die Anbindung und die Kooperation in Südasien weiter verbessern, um das übergeordnete Ziel der wirtschaftlichen Entwicklung und des Wohlstands für die Völker in dieser Region zu erreichen.

Pinak Ranjan Chakravarty

Pinak Ranjan Chakravarty is a former Indian ambassador and permanent secretary in the Ministry of External Affairs, Government of India. He is currently a visiting fellow at the Observer Research Foundation, a leading Indian think tank in New Delhi, and a regular media commentator.
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