Reise

Geschichten von Einsamkeit

Heft 05, 2019

Geschichten von Einsamkeit

Vineyak Surya Swami |Autor

Heft 05, 2019


Mit der farbenfrohen Flora des Lahaul-Tals auf der einen Seite, der vielfältigen Fauna des Pin-Tals auf der anderen, dem Kullu-Tal im Westen und Kinnaur im Süden, ist die kalte Wüste von Spiti das perfekte Ziel, um auf eine Selbstentdeckungsreise zu gehen

Die Natur meinte es auf grobe Weise gut mit Spiti – einem kleinen Tal in Himachal Pradesh – das ein kahles, aber surreales Paradies darstellt, geteilt von den zerklüfteten, schneebedeckten Himalayagipfeln und verbunden durch steile Bergpässe. Mit diesem Ziel vor Augen machte ich mich auf die Reise von Neu Delhi in das Spiti-Tal. Da ich alleine mit dem Rucksack reiste, beschloss ich, weniger bekannte Ziele auf dem Weg anzusteuern und mich nicht von denjenigen leiten zu lassen, die diese Reise vor mir gemacht hatten. Der erste Teil meiner 20- bis 36-stündigen Reise führte mich von Neu Delhi nach Chandigarh. Der darauffolgende erste Halt erfolgte in der Transitstadt Reckog Peo, oder einfach Peo genannt. Das Bus-Terminal war ein einfaches Gebäude mit einem lächelnden Mitarbeiter des HRTC (Himachal Road Transport Corporation) am Ticketschalter. Mit einer Bollywood-geeigneten Hupe, die vor jeder scharfen Kurve ertönte, kletterte der Bus aufwärts Richtung Spiti-Tal und passierte malerische Landschaften. Als die Straße steiler wurde, verwandelte sich das Grün vor den Fenstern in Braun, die aufragenden Gipfel kamen näher und die Luft wurde dünner. Die wunderschönen bewaldeten Hügel wurden von kargen Bergen abgelöst, die so steil waren, dass die Grenze zwischen Himmel und Erde fast verwischt wurde. Kleine weiße und gelegentlich goldene Flecken waren von Zeit zu Zeit auf den Hängen sichtbar, die sich beim Näherkommen als buddhistische Klöster entpuppten. Ein Mitreisender, ein junger Mönch, der freiwillig zu meinem Reiseführer wurde, erklärte mir die einzigartige Philosophie der tibetischen Architektur! Auch wenn ich in eine Gegend reiste, die viele als eine der härtesten bewohnbaren bezeichnen, stellt ich fest, dass mein Vertrauen durch die Wärme der Einheimischen gewachsen war. Von Kindern in Schuluniformen bis zu Mönchen in magentafarbenen Roben waren alle gastfreundlich und boten ihre Hilfe an. Nach einer sechsstündigen Busreise entschied ich, in einem kleinen Dorf namens Nako zu übernachten. Nako ist eine Ansammlung traditioneller tibetischer Lehmhäuser, die um einen See herum mit Aussicht auf das gleichnamige Kloster erbaut wurden, und ein Quell der Freude. Auch wenn Nako jeden Komfort bietet, den Reisende brauchen, hat die Atmosphäre etwas Zeitloses an sich. In Nako schloss ich die ersten Freundschaften im Tal, die sogar noch heute bestehen!

Eine kleine Brücke, die im Pin Valley Nationalpark das Dorf Tailing mit der Hauptstraße verbindet

Am nächsten Morgen machte ich mich in aller Frühe auf nach Kaza, dem Verwaltungszentrum von Spiti. Um das reale Leben im Tal zu studieren, beschloss ich, mich in einen Lieferwagen zu quetschen, der in jedem Dorf auf dem Weg nach Kaza hielt. So machten wir Pause in Chango und Sumdo, wo unsere Gruppe ein paar Snacks zu sich nahm und Anekdoten mit den hier stationierten CAPF-Bataillonsvertretern austauschte. Als der Wagen an Klöstern hielt, kamen Mönche, brachten Essen und führten nette Gespräche mit mir, wodurch ich Einblicke in ihr einfaches Leben erhielt. Das 1.0000 Jahre alte Kloster in Tabo ist eine besondere Sehenswürdigkeit. Im Gegensatz zu den imposanten Klöstern anderenorts bietet das Tabo Gompa mit seinen niedrigen Tempeln eine bescheidene Perspektive auf den Buddhismus.

Der pittoreske Anblick des Klosters Key Gompa (4.166 m) im Sonnenuntergang

Um acht Uhr abends kam ich in Kaza an und steuert das Moustache Hostel an, das für die nächsten Wochenmeine Heimat sein sollte. Dort lernte ich Rohit kennen, den lächelnden Inhaber aus Lahaul. Passend zur Atmosphäre vor Ort, bot er mir einen wohltuenden, besonderen Tee aus Sanddorn an, einer einheimischen Beere. Als ich mich zum Abendessen niederließ, stellt ich fest, dass diese Reise durch eine der höchsten kalten Wüsten der Welt samt dem unsteten Wetter zwar extrem herausfordernd sein kann, aber auch die Freude unvergleichlich groß ist: warmen Tee zu schlürfen, auf 3.800 Meter Höhe in eine kuschlige Decke eingewickelt zu sein, mit einer Gruppe von Leuten laut zu lachen, die ich vor einer Woche noch nicht einmal kannte, die mich aber einfach so akzeptiert hatten, wie ich war, und ihre Herzen und Häuser für mich geöffnet hatten. Am nächsten Tag schlug ich die Augen auf und sah einen strahlenden Morgen, an dem die massiven Gipfel des Spiti-Tals auf mich niederblickten. Im Hotel herrschte eine aktive Atmosphäre, da alle starten und die größtmögliche Anzahl an Sehenswürdigkeiten besuchen wollten, um das fast perfekte Wetter optimal auszunutzen. Ich entschied mich anders und begab mich mit einer dampfenden Tasse Sanddorntee in der Hand auf die Terrasse, wo ich ein leichtes Frühstück einnahm und später Gesellschaft von Rohit erhielt, dem Inhaber, mit ich mittlerweile eng befreundet bin. Er unterbrach mich in meinen Ruheplänen und schlug vor, den ungefähr 70 km entfernten Pin Valley Nationalpark zu besuchen, wofür er mir großzügig seine Enfield aus dem Jahre 1972 anbot. Ich erweckte das 50 Jahre alte Ungeheuer mit dem Kickstart zum Leben, legte den Gang ein und startete zu dem, was die schönste Fahrt meines Lebens werden sollte. Das Pin-Tal war mit seinen majestätischen Gipfeln, die im Gegensatz zu denen von Spiti mit bunten Blumen übersät waren, eine angenehme Überraschung. Die Straße war bis zu dem Dorf Mudh befahrbar, wo ich das Motorrad parkte und mich zu Fuß auf den Weg zm Pin-Bhaba-Pass machte, um meine Fitness zu testen.

Das Postamt in Hikkim auf 4.440 Metern Höhe ist das höchste funktionierende der Welt

Obwohl mich die dünne Luft auf 4000 Metern in weniger als einer Stunde nach Luft schnappen ließ, erblickte ich sogar einen Sibirischen Steinbock, eine seltene Paarhuferart, die in der Region lebt. Leider konnte ich nur ein Foto schießen, als er mich neugierig anstarrte, bevor er die steilen Hänge der Berge hinabgaloppierte. Auf dem Rückweg passierte ich Kaza und fuhr weiter bis in das Dorf Hikkim, das rund 25 km von Kaza entfernt und Standort des höchstgelegenen Postamts der Welt auf rund 4.500 Metern Höhe ist. Als ich die steile, kurvige Straße nach Kaza hinabfuhr, dämmerte es bereits, und dieselben Gipfel, die zuvor stolz ins Tal geblickt hatten, wirkten nun etwas erschöpft davon, dieses wunderschöne Tal von allen Seiten bewachen zu müssen. Genau hier, auf dieser schmalen, aber gut erhaltenen Straße, mit den ausgetrockneten Bergformen, die durch die untergehende Sonne rosafarben illuminiert waren, erkannte ich die Bedeutung dieser kurzen Distanzen, der vielen ‚kurzen‘ einstündigen Fußwege, die es den Menschen und Kulturen ermöglichen, (aus der Ferne) verbunden zu bleiben. Am nächsten Tag entschied ich mich, einen Roller zu mieten, um Spiti zu entdecken. Mein erster Stopp war Ki Gompa, eines der größten Klöster im Spiti-Tal, und als ich die Gebetshalle betrat, beruhigte mich die behagliche Innenausstattung gemeinsam mit den rhythmischen Gesängen sofort. Die Mönche in Ki öffneten einen alten Meditationsraum für mich. Illuminiert nur von dem durch die kleinen Fenster einfallenden Sonnenlicht, bieten diese Meditationsräume die perfekte Szenerie, um die eigene Seele zu entdecken.

Die Straße, die vom Dorf Mudh im Pin Valley Nationalpark wegführt. Mudh ist wie die meisten Dörfer in der abgelegenen Transhimalaya-Region eine Oase aus bewässerten grünen Feldern in kahler Berglandschaft

Als ich diese Reise antrat, hatte ich mich gefragt, ob daraus eine gute Story entstehen würde, aber als ich abends an Rohits altem, aber massiven Esstisch saß, erkannte ich, dass ich nur aufblicken musste, und schon war die Story da: ein Leben voller Reisegeschichten!

How to reach

Via Shimla

Spiti Valley is accesible through Reckong Peo all year round via NH 44 and NH 5 that connect the international border with China. State transport busses run once daily from Chandigarh to Reckong Peo and from Peo to Kaza.

Nearest Airport: Shimla

Nearest rail head: Shimla

Via Manali

Kaza is also accessible through the Rohtang Pass via Manali. Although state transport busses do not run on this route, it is fairly popular among adventure and off-roading enthusiasts. Rohtang Pass is open  from June till October, as there is a chance of the roads being snowed in throughout winter. On this route, you will also have to cross the mighty Kunzum Pass at 4,551 m that serves as a connection between the twin valleys of Lahaul and Spiti.

Nearest airport: Bhuntar (Kullu)

Nearest rail head: Chandigarh

Sehenswert

Pin Valley Nationalpark

Zwischen hoch aufragenden Gipfeln ist der Pin Valley Nationalpark die Heimat einer vielfältigen Flora und Fauna und bietet eine willkommene Abwechslung zu den trockenen Landschaften von Spiti. Die befahrbare Straße erstreckt sich bis zum Dorf Mudh am Rande des Parks.

Entfernung von Kaza: 49 km

Das Kloster

Ki Gompa, wie es vor Ort genannt wird, ist das größte in Spiti, erbaut rund um einen konischen Hügel. Aufgrund seiner einzigartigen Konstruktion erscheint das gesamte Ensemble eher wie eine Festung. Gompa ist die Heimat von knapp 350 Mönchen und Studenten.

Entfernung von Kaza: 16 km

Chandartal-See

Auf 4.270 Metern Höhe liegt dieser Gletschersee an der Straße von Manali nach Kaza und bietet spektakuläre Aussichten auf die umliegenden Gipfel sowie spiegelartige Reflektionen im kristallklaren Wasser. Unter freiem Himmel zu schlafen, ist bei diesem Sternenhimmel ein faszinierendes Erlebnis. Zum See führt ein 10 – 12 km langer Wanderweg.

Entfernung von Kaza: 85 km

Vineyak Surya Swami

Vinayak Surya Swami ist Journalist aus Delhi. Er hat einen Abschluss in Maschinenbau und war Schiffsbau-Auszubildender bei der indischen Marine. Er ist schon seit seinen Teenagerjahren Teilzeitschriftsteller und wechselte ins Journalismusfach, um seine Liebe zum Schreiben und Reisen auszuleben.
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