Persona

Ray, der ungewöhnliche Filmemacher

Heft 02, 2021

Ray, der ungewöhnliche Filmemacher

Ashoke Viswanathan |Autor

Heft 02, 2021


An Satyajit Ray (2. Mai 1921 – 23. April 1992) erinnert man sich nicht nur als eigenbrötlerische Filmpersönlichkeit und Illustrator, sondern auch als Erschaffer der beliebtesten Charaktere der Bengali-Literatur. Der bekannte Filmemacher Ashoke Viswanathan befasst sich eingehend mit dem Leben, der Arbeit und den Errungenschaften dieser Legende

Manche Menschen sind nicht einfach deswegen außergewöhnlich, weil sie anders sind, sondern weil sie niemals mit dem Erreichten zufrieden sind. Satyajit Ray, der Filmemacher aus Westbengalen, war in vielerlei Hinsicht eine beeindruckende Persönlichkeit. Er war seiner Kunst so verbunden, dass er alles, was nicht exzellent war, missbilligte. Ray war definitiv einer der größten indischen Filmregisseure aller Zeiten und gehört zu den bedeutendsten der Welt. Für sein bemerkenswertes Werk wurde er 1991 mit einem Oscar ausgezeichnet. Er erhielt wichtige Auszeichnungen auf mehreren internationalen Filmfestivals wie Venedig und Berlin und wurde in Cannes geehrt, weil er 1982 unter die zehn besten Regisseure der Welt gewählt wurde. Abgesehen von seinen Filmemacherqualitäten war er Drehbuchautor, operativer Kameramann, Musikkomponist und Designer, ebenso wie Verfasser enorm populärer Bücher, Übersetzer von Poesie, Lyriker, Musiker und Typografie-Experte!

An archival image of Satyajit Ray
Ein Archivbild von Satyajit Ray

Es ist durchaus schwierig, Ray als Filmemacher zu kategorisieren, da er als Regisseur mit einer Vielfalt an Themen in verschiedenen Stilrichtungen zu tun hatte. Er stammte aus einer Familie von Künstlerlegenden und seine Ahnentafel ist überaus faszinierend. Sein Großvater Upendrakishore Roychowdhura war Lyriker, Drucker, Autor und Maler und sein Vater Sukumar Ray war ein legendärer Dichter mit einer Vorliebe für ‚Nonsens-Verse‘. Satyajit Rays bahnbrechender Film Goopy Gyne Bagha Byne (1968) basiert auf einer nuancierten Geschichte seines Großvaters über zwei Dorfdeppen, die sich mithilfe eines Wunschs, der ihnen vom König der Geister gewährt wird, in begnadete Musiker verwandeln. Ray wurde im Presidency College (der heutigen Presidency University) in Kalkutta (dem späteren Kolkata) und später am Visva Bharati in Santiniketan ausgebildet, wo er in einer Umgebung Malerei studieren durfte, die derartige Größen wie Nandalal Bose oder Benodebehari Mukhopadhaya hervorbrachte.

Noted British film director Lindsay Anderson (extreme left), renowned Japanese film producer Madame Kawakita (centre) and Satyajit Ray at a reception hosted by the Indian Documentary Producers’ Association at the Third International Film Festival in New Delhi in 1965
Der berühmte britische Regisseur Lindsay Anderson (ganz links), die renommierte japanische Filmproduzentin Madame Kawakita (Mitte) und Satyajit Ray bei einem Empfang der Indian Documentary Producers‘ Association auf dem 3. Internationalen Filmfestival in Neu Delhi im Jahr 1965

Seine Entwicklung hin zum Kinofilm begann mit dem Verfassen von Spielfilmdrehbüchern zu seinem eigenen Vergnügen, bis er mit der Arbeit am Drehbuch für Pather Panchali begann (auf der Grundlage des gleichnamigen Romans des berühmten bengalischen Autors Bibhutibhushan Bandopadhyay), unterstützt durch den stets aufgeschlossenen Kameramann Subrata Mitra.Die Apu-Trilogie, die Pather Panchali (1955), Aparajito (1956) und Apur Sansar (1959) umfasst, ist gekennzeichnet von herausragenden visuellen Entdeckungen, einem brutalen und schonungslosen Realismus, dezentem Gefühlsüberschwang und sogar leicht geheimnisvollen Spannungen. Bilder von Zügen, das ländliche Bengalen, die Pracht der Stadt Benaras, die Gegensätze der entstehenden Millionenstadt Kalkutta, das Jatra (eine Art Volkstheater, das in Westbengalen beliebt ist) – all das erschafft ein wunderbares Denkmal moderner Kunst in der Trilogie. Ray bediente sich in der Apu-Trilogie und später erneut in Ashani Sanket (1973) der brillanten Werke von Bandopadhyay. Darüber hinaus bearbeitete er unter anderem in Jalsaghar (1958) auch eine Geschichte des berühmten bengalischen Autors Tarashankar Bandopadhyay filmisch und in Pratidwandi (1970) eine des beliebten bengalischen Schriftstellers Sunil Gangopadhyay.Rays Kamera, die manchmal unerbittlich verfolgte wie in Charulata (1964), manchmal als Handkamera einfach so dahinglitt wie in Jana Aranya (1975) oder auf beinahe melodramatischen Close-Ups eingestellt war wie in Ashani Sanket, ist nichts weniger als ein Instrument für soziologische Analysen, die das Milieu und den Zeitgeist ergründete.

Ray at the opening night of the Cannes Film Festival on May 15, 1982, France
Ray am Eröffnungsabend des Filmfestivals von Cannes am 15. Mai 1982 in Frankreich

Satyajit Ray hat auch einen urbanen Vierteiler geschaffen – Aranyer Din Ratri (1969), Pratidwandi, Seemabaddhha (1971) and Jana Aranya – der das formelle Erzählen und Inszenieren auf postmoderne Weise interpretiert. Ihm gelang es, die turbulente Lage in den 1970ern mit der Unruhe der städtischen Jugend und der drohenden urbanen Arbeitslosigkeit zu zeigen. Nicht alle von Rays Kinowerken waren allerdings Adaptationen. Ray schrieb auch einige Originaldrehbücher wie Kanchenjungha (1962), Nayak (1966), Agantuk (1991) and Shakha Proshakha (1990) neben Büchern über Kinokunst mit den Titeln Bishoy Challachitra, Our Films, Their Films und Ekei Bole Shooting. Ray war ebenso wie der Nobelpreisträger Rabindranath Tagore ein sich immer neu erfindender Künstler. Ob als Maler, Autor, Musikkomponist, Filmregisseur, Kameramann oder Typograph (wie Ray Roman) – er übertrieb es nie und ließ nicht zu, dass eine seiner Tätigkeiten die anderen verdrängte. Er hatte einen großartigen Sinn für Humor, möglicherweise von seinem Vater geerbt, und seine Dialoge waren immer beispielhaft. Wenn Ray eine Qualität besonders auszeichnet, sind es nicht seine zahlreichen internationalen Auszeichnungen (einschließlich dem Silbernen Bären zweimal hintereinander 1964 und 1965), sondern seine Musik. In seiner Kameraführung und dem Schnitt, in seiner Erzählkunst und seinen Dialogen wohnt eine Musikalität inne, die fast schon göttlich ist! Diese Qualität der Melodienvielfalt ist relativ abstrakt – sie ist das Produkt von Rays sorgfältiger Organisation. Bereits in der Planung des Ausschnitts zeigt sich ein wahrnehmbares und besonderes Muster, das auch in Schnitt und Ton wahrnehmbar ist.

Betrachten wir einmal den Film Charulata, basierend auf der Geschichte ‚Das zerstörte Nest‘ von Tagore. Die Auflösung ist eine lange Sequenz, die Folgendes umfasst: einen Brief von Amal (Charus Schwippschwager) auf einem kleinen Tisch, der dieses Schreiben als Vorbote und Prophezeiung von Charus wankelmütiger Nähe zu Amal erscheinen lässt, Bhupati (Charus Ehemann), der den Brief durchliest und unschuldige Bemerken über Amals Gefühle macht, bevor sie untreu war, sowie Charu, wie sie den Brief schließlich liest und emotional zusammenbricht und ihre ‚verbotene Liebe‘ zu Amal herausschreit. Zu diesem Zeitpunkt kehrt Bhupati unerwartet zurück, weil er etwas vergessen hat, ist entsetzt über die Enthüllung von Charus Liebesgefühlen und fährt niedergedrückt und schockiert in einer offenen Kutsche davon. Als er voller Unsicherheit und im Zwiespalt zurückkehrt, bedeutet ihm Charu mit angsterfülltem und schuldbewusstem Blick einzutreten. Bhupati geht hinein, aber Ray friert diesen Moment ein, noch bevor sich Charu und Bhupati die Hand geben können, was „das zerstörte Nest“ symbolisiert. Worte allein können das ästhetische Muster dieser nachklingenden Inszenierung nicht beschreiben, genauso wie es fast unmöglich ist, die Strahlkraft von Rays Komponistenwerk zu beschreiben.

Left: Ray received the Golden Lion, the highest award accorded to a film at the Venice Film Festival, for his film Aparajito, on September 9, 1957; Right: An archival image of Ray at his home in Kolkata
Links: Ray erhält am 9. September 1957 den Goldenen Löwen, die höchste Filmauszeichnung, beim Filmfestival von Venedig, für seinen Film Aparajito; Rechts: Ein Archivbild von Ray in seinem Zuhause in Kolkata

Ray war darüber hinaus ein versierter Schriftsteller, der einige sehr beliebte Figuren der bengalischen Literatur erschaffen hat: Feluda (einen Detektiv), Lal Mohan Ganguly oder Jatayu (ein Abenteuerschriftsteller und Feludas Freund), Professor Shanku (ein Wissenschaftler und Erfinder) sowie Tarini Khuro (ein liebenswerter Onkel, der gerne Geschichten erzählt, die er mit übernatürlichen Element ‚aufpeppt‘). Rays Geschichten und seine Figuren sind in Bangladesch ebenso beliebt. Das Haus von Rays Vorfahren liegt auch tatsächlich im Dorf Masua im Distrikt Mymensingh in Bangladesch. Im letzten Jahr beschloss die Federation of Film Societies of India (FFSI) die Ausrufung einer internationalen Kampagne für die Restaurierung dieses legendären Gebäudes.Ray war zweifellos eine sich immer neu erfindende Persönlichkeit. Er hatte viele Facetten, war aber niemals abgeneigt, etwas Neues zu lernen. Sein penibles Auge für klassisches visuelles Design machte ihn darüber hinaus zu einer legendären Künstlerpersönlichkeit. In der Tradition von Tagore machte Ray große Schritte, verlor aber niemals seine Wurzeln aus dem Auge.

Ashoke Viswanathan

Ashoke Viswanathan ist ein national und international preisgekrönter Filmemacher und derzeit Professor und Dekan am Satyajit Ray Film & Television Institute (SRFTI) in Kolkata
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