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Erholungspause

Heft 03, 2020

Erholungspause

Vineyak Surya Swami |Autor

Heft 03, 2020


In Indiens Bergregionen ist eine Erholung der natürlichen Lebensräume zu beobachten, seitdem der Verschmutzungsgrad nach dem nationalen Lockdown zur Eindämmung von COVID-19 drastisch sinkt. Diese kleine Ruhepause gibt Anlass zum Nachdenken, wie unsere Beziehung zur Natur zukünftig schonender gestaltet werden kann

Nachdem sich das Coronavirus in alarmierendem Tempo in aller Welt verbreitet, haben viele Länder systematische Lockdowns verhängt, um die Infektionsraten zu senken. Millionen Menschen mussten sich auf ihr eigenes sicheres Zuhause beschränken und Reisen wurden stark eingeschränkt, um die Übertragung des Virus unter Kontrolle zu halten. Der Betrieb von Industrien, Unternehmen und sogar kleinen Baustellen wurde eingestellt, um die Pandemie überall einzudämmen. Auch wenn diese politischen Entscheidungen für das Wohlergehen der Menschen notwendig waren, stand ein Aspekt bisher nicht sonderlich im Mittelpunkt – der Einfluss, den der Lockdown auf die Umwelt hat.

EINDEUTIGE ANZEICHEN

In Indien ist dieser Einfluss am deutlichsten in der Himalaya-Region zu sehen. Vor kurzem zeigten Fotos das massive Dhauladhar-Gebirge im Himalaya, das vom 200 km entfernten Jalandhar, Punjab, aus sichtbar war. Ebenso zeigte sich den Bewohnern von Saharanpur in Uttar Pradesh der klare Anblick der schneebedeckten Himalaya-Berge, die viele noch niemals gesehen hatten. Experten zufolge war dies nur aufgrund der seit mehr als zwei Monaten reduzierten Fahrzeug- und Industrieemissionen der Fall.

Ein ungestört umherstreifender Tiger im Tadoba-Andhari Tigerreservat, Maharashtra

Auch bei einigen der größten indischen Flüsse, deren Toxizität dramatisch und geradezu wundersam sank, waren die Selbstheilungskräfte der Natur sichtbar. Die Flüsse Yamuna und Ganges, bekannt als Lebensadern der fruchtbaren Ebenen Nordindiens, wiesen nach dem anfänglichen einmonatigen Lockdown nur noch nominelle Verunreinigungen und Toxine auf. Laut einem vor kurzem von der Umweltkontrollbehörde in Uttarakhand veröffentlichten Bericht war der Koliform-Wert (ein Krankheitserreger) im Fluss Ganges in und um Rishikesh von 70/100 ml (April 2019) auf 40/100 ml (April 2020) gefallen, während der gelöste Sauerstoffwert um fast 20 % gestiegen war (April 2019 – April 2020).

Darüber hinaus gab es deutlich weniger Zusammenstöße zwischen Mensch und Tier im Bundesstaat Uttarakhand, da der Straßenverkehr klar unter dem Durchschnitt lag. Nachdem die Lockdowns auch den Geräuschpegel erheblich gesenkt haben, wurden wilde Tiere in der Nähe bewohnter Städte wie Shimla und Manali in Himachal Pradesh gesehen. „Aufgrund der relativen Abwesenheit von Menschen und damit zusammenhängenden Aktivitäten betrachten wilde Tiere nun größere Bereiche als verlassen und daher als sichere Orte für sich“, erklärt Parag Madhukar Dhakate, Leiter der Waldschutzabteilung im Westen von Kumaon, Uttarakhand.

Anil Thakur, Direktor des Great Himalayan National Park (von der UNESCO als Weltkulturerbe klassifiziert) erklärt, dass sich Wildtiere durch die Abnahme des menschlichen Fußabdrucks auf freie und unbekannte Flächen trauen, auch wenn rund 2.000 Besucher in den Sommermonaten (Mai – Juli) den knapp 1.100 qkm großen Park besuchten. „Es war definitiv vorteilhaft für die Flora und Fauna des Parks. Menschliche Aktivitäten, sei es durch Fahrzeuge oder anderweitig, bedrohen Wildtiere, wenn auch unbeabsichtigt. Sobald der Park wieder öffnet, werden wir die Richtlinien befolgen und versuchen, unsere Besucher über unser Verhältnis zur Natur aufzuklären. Die Pandemie hat bestätigt, dass die Natur immer Priorität hatte und haben wird“, meint er.

Die Dhauladhar Bergkette, die am 3. April 2020 von Jalandhar, Punjab, aus sichtbar war

Darüber hinaus sind in Himachal Pradesh fast doppelt so viele Vögel zu sehen, darunter auch viele gefährdete und seltene Vogelarten. „Durch die niedrigere Luft- und Lärmverschmutzung konnten die Vögel dorthin zurückkehren, wo ihr ursprünglicher natürlicher Lebensraum war“, so Ornithologen.

VERÄNDERUNG ZUM BESSEREN

Auch wenn für uns Menschen die negativen Aspekte des Coronavirus überwiegen, ist die Krise eine Mahnung, unsere Beziehung zur Natur zu überdenken. Zukünftig gibt es Verbesserungsbedarf, in der Form, dass politische Entscheidungen das natürliche Ökosystem nicht zugunsten der allgemeinen Entwicklung bedrohen dürfen.

Das kristallklare Wasser des Tehri Sees in Uttarakhand

Upasana Patial ist leidenschaftlicher Naturfan und Leiterin der Wald- und Wildschutzabteilung in Himachal Pradeshs nördlichen Regionen und hat in diesem Jahr einen erheblichen Rückgang der Waldbrände festgestellt, was ihrer Ansicht nach auf die eingeschränkten menschlichen Aktivitäten nach dem nationalen Lockdown zurückzuführen ist. „Das Waldministerium versucht gemeinsam mit der Verwaltung, die Zusammenstöße zwischen Mensch und Wildtieren auf ein Minimum zu begrenzen. Nach dem Inkrafttreten des Lockdowns konnten wir die negativen biologischen Einflüsse auf die Umwelt signifikant umkehren und gleichzeitig die Flora und Fauna studieren, was andernfalls aufgrund von Waldbränden, Verkehr und touristischen Einflüssen nur eingeschränkt möglich gewesen wäre“, erklärt Patial.

Viele Umweltschützer sind der Ansicht, dass der Lockdown eine Erholung der Natur in den sensiblen Ökosystem angestoßen hat und dass jedes Jahr eine 30-tägige Periode mit eingeschränkten menschlichen Interaktionen eingeführt werden sollte, damit die Einflüsse auf die Biologie in diesen Gebieten wieder rückgängig gemacht werden können. Wir sollten nicht so weitermachen wie zuvor, sondern aus dieser Erfahrung lernen und zukünftig der Natur erlauben, sich immer wieder zu erholen.

Vineyak Surya Swami

Vinayak Surya Swami ist Journalist aus Delhi. Er hat einen Abschluss in Maschinenbau und war Schiffsbau-Auszubildender bei der indischen Marine. Er ist schon seit seinen Teenagerjahren Teilzeitschriftsteller und wechselte ins Journalismusfach, um seine Liebe zum Schreiben und Reisen auszuleben.
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