Erbe

Jeder Tropfen zählt

Heft 01, 2020

Jeder Tropfen zählt

Vikramjit Singh |Autor

Heft 01, 2020


Brunnen, Stufenbrunnen und Wasserbecken waren im alten Indien nicht nur Wasserquellen, sondern Teil eines großen Netzwerks aus natürlichen Wasserkonservierungstechniken. Sie können wieder in Betrieb genommen werden, um die heutige Wasserknappheit in den Städten zu mildern, sind aber auch inspirierend für moderne Nachhaltigkeitsideen

Ugrasen ki Baoli (auch Agrasen ki Baoli) im Herzen Neu Delhis gehört mit seiner überwältigenden architektonischen Schönheit zu den 10 beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Dieser Baoli (Stufenbrunnen) aus dem 14. Jahrhundert mit seinen drei Stockwerken, verbunden durch 108 Stufen, ist aber nicht nur ein beliebter touristischer Ort, sondern war auch Teil des indischen Wasserkonservierungssystems. Wenn man auf die Geschichte der Zivilisation zurückschaut, stellt man fest, dass die ersten menschlichen Siedlungen in der Nähe von Wasservorkommen lagen. Allmählich verteilten sich die Menschen auf verschiedene Bereiche des Festlands, in denen es alternative Wasserquellen gab. Im Lauf der Zeit lernten die Menschen dann, dass Wasser nicht nur an der Oberfläche fließt, sondern auch unter ihren Füßen. So entwickelte sich die Kunst des Brunnengrabens.

Die Geburtsstunde der Baoli

Im Lauf der Zeit erkannten die Menschen jedoch, dass es bei einer wachsenden Bevölkerung anstrengend wäre, Wasser aus Brunnen zu schöpfen. So entstanden alternative Konzepte wie persische Brunnen, in denen Wasser mühelos mittels einer Anordnung aus Flaschenzügen, Rädern und Eimern aus der Tiefe geholt wurde. Später entwickelten Architekten und Ingenieure im mittelalterlichen Indien eine weitere Alternative: sie konstruierten Stufen, um das Wasserniveau zu erreichen. Ein Beispiel hierfür ist der Rajon ki Baoli in Neu Delhi. Diese Stufenbrunnen waren nicht nur ein Ort, um Wasser zu schöpfen und sich zu reinigen, sondern dienten auch der Kühlung, wenn sich die Menschen dort in heißen Sommerzeiten versammelten. Um die Vorteile optimal zu nutzen, wurden die Stufenbrunnen so angepasst, dass der tiefergelegene Teil des Stufenbrunnens (der Wasserbehälter) nach Süden gerichtet war und die Stufen von Richtung Norden abgingen. Dies war hilfreich, denn so konnte die Sonne nicht die Wasseroberfläche im Behälter erreichen, da Indien auf der Nordhalbkugel liegt. Auf diese Weise konnte sich das Wasser nicht erhitzen und verdampfen. Im Ergebnis blieben die Temperaturen des Wassers und der Räume rund um den Wasserspiegel immer kühler als die Oberfläche.

Der Dhabhai Kund, der größte Stufenbrunnen in Bundi, Rajasthan

Brunnen und Wasserbehälter

Die Wasserbewirtschaftung im alten Indien war nicht alleine auf Baolis beschränkt. Es gab außerdem Wasserbehälter (Kund) und Schleusendämme. Religiöse Schreine, die von Hunderten Gläubigen besucht wurden, hatten immer einen Wasserbehälter, einen Stufenbrunnen oder zumindest einen angeschlossenen Brunnen. Auch heute noch stellen sich die Gläubigen an diesen Schreinen an, um Wasser aus den heiligen Quellen zu holen und es als Zeichen des Segens mit nach Hause zu nehmen.

Unterstützung aus der Vergangenheit

Mit der sich entwickelnden Zivilisation reduzierte sich die Nutzung von Tanks und Baolis. Unsere Häuser wurden an Rohrleitungen angeschlossen und Wasser stand quasi immer zur Verfügung. Nachdem wir unsere natürlichen Wasserquellen für selbstverständlich hielten, wurden die stehenden Gewässer in Seen, Teichen, Baolis und Brunnen lange Zeit nicht erneuert und begannen Algen und schädliche Bakterien zu entwickeln. Man muss wissen, dass die meisten mittelalterlichen Wasseranlagen über unterirdische Grundwasserleitungen verbunden sind. Die Verschmutzung eines Gewässers wird also alle benachbarten beeinträchtigen. Ebenso hat es einen positiven Effekt auf nahegelegene Wasservorkommen und den Grundwasserspiegel, wenn wir einen Brunnen oder ein Baoli reinigen. Wenn wir ein Baoli wieder befüllen, erhalten auch andere in der Nähe gelegene wieder mehr Wasser. Das bedeutet, wenn wir ein strategisch geplantes Netzwerk aus Wassernachfüllgruben erstellen können, das mit Grundwasserleitern verbunden ist, können wir auch den Grundwasserspiegel einer Stadt erhöhen. Da Indien heute mit Wasserknappheit zu kämpfen hat, können wir von der Baoli-Konstruktion lernen, die traditionelle Weisheiten integrieren und eine Art Leitfaden für die Wasserkonservierung darstellt. Es ist an der Zeit, alte Methoden mit neuen Technologien zu kombinieren und unseren Planeten zu retten.

Gandhak ki Baoli ist ein Stufenbrunnen in Mehrauli, Neu Delhi, aus dem 16. Jahrhundert  

Vikramjit Singh

Vikramjit Singh Rooprai ist ein Kulturerbeaktivist und Pädagoge. Er erforscht die nordindischen Monumente, um Werbung für das reiche Kulturerbe des Landes zu machen. An verschiedenen Schulen hat er Labore dafür eingerichtet und ist oft als Mentor für junge Erwachsene tätig, um ihnen eine neue Perspektive auf unsere Vergangenheit zu eröffnen.
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