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Lektionen eines Vorbilds

Heft 01, 2020

Lektionen eines Vorbilds

Gautam Choubey |Autor

Heft 01, 2020


Nachdem wir nun den 150. Geburtstag von Mahatma Gandhi feiern, kann man angemessenerweise feststellen, dass der Gandhismus die Zeiten überdauert. Im Lauf der Jahre war Gandhi – sei es für Nelson Mandela oder Martin Luther King Jr. – immer eine Art Schablone, mit der man die jeweiligen Herausforderungen verstehen und angehen konnte. Wir untersuchen, inwiefern Mahatmas Werte in der heutigen Welt relevant sind

In der Lehre Mahatma Gandhis findet man fertige Leitpläne für verschiedene Herausforderungen. Gandhi betrachtete die Politik als Berufung, durch die man der Menschheit mit zutiefst wahren Prinzipien und Praktiken dienen konnte. Heutzutage scheint Gewalt die größte aller Gefahren zu sein, die unsere Existenz bedrohen. In jedem Teil der Welt beschäftigen sich Regierungen und internationale Behörden mit der Entwicklung von Strategien, um Gewalt, religiösen Extremismus, verbreitete Anarchie und Terrorismus zu bekämpfen. Damit die Wahrheit das führende Leitmotiv für jede Politik ist, die Gesellschaften und Regierungen verkünden, um die Unterdrückten und Armen zu stärken und universelle Gerechtigkeit zu garantieren, darf Gewalt keinen Platz in diesen Programmen finden – weder als Mittel, noch als temporäre Strategie. Für Gandhi bildeten Wahrheit und Gewalt die jeweilige grundlegende Antithese zueinander. Daher gehört es zur Unwahrheit, einen Ausweg in der Gewalt zu suchen, und sei es nur für einen flüchtigen Moment. Es würde wiederum bedeuten, die größeren Ziele des Dienstes an der Menschheit aus dem Auge zu verlieren.

Gandhi war ein idealistischer Kreuzfahrer, der keinen Grund sah, die Methoden von den Zielen zu trennen; er glaubte, dass edle Ziele nur durch edle Mittel erreicht werden können. Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass Gandhis Engagement für Wahrheit und Gewaltfreiheit mehr als ein philosophisches Bekenntnis für ein abstraktes Ideengebilde war. Er war Teil einer Familie von Verwaltern aus dem Prinzenstaat Rajkot und aufgrund dieser Zugehörigkeit war er schon in jungen Jahren sehr bewandert in den Notwendigkeiten der Staatskunst. Nicht ein einziges Mal unterschätzte er in seiner glänzenden politischen Karriere die zentrale Position des Staates für das Wohlergehen seiner Bürger. In der Frage der gewalttätigen politischen Konfrontationen zu seiner Zeit argumentierte Gandhi, dass die bloße Beseitigung eines Mannes, der ein Hindernis darstellt, zu einem Gefühl der Sicherheit führt, dass falsch und kurzsichtig ist. Das Zugehen auf die eigenen Kritiker und das Ausloten der Gründe für die Meinungsverschiedenheiten würde hingegen zu einem anhaltenden Waffenstillstand führen.

NACHHALTIGE ÖKOLOGIE UND DIE PERSPEKTIVEN FÜR INDIEN

Die Umweltkrise ist zweifellos eines der schwersten Probleme unserer Generation. Es ist eine banale Erkenntnis, dass die derzeitige Krise das Ergebnis einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur ist. Sie entstammt einer merkantilistischen Philosophie, die die Leute zu dem Irrglauben führte, dass die Entschlüsselung einiger Naturgesetze ein ausreichender Beweis für die Dominanz des Menschen über die Natur sei. Gemäß E.F. Schumacher behandeln moderne Ökonomien und Entwicklungsmodelle die Natur als Verbrauchsgut und „der moderne Mensch erlebt sich nicht als Teil der Natur, sondern als außenstehende Kraft, die dazu bestimmt ist, sie zu dominieren und zu erobern“.

In der vedischen Philosophie wird unsere Interaktion mit der Natur von der Rücksichtnahme auf das Gleichgewicht und von der unzerstörbaren Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt geleitet. Die Panchatantra-Dichtung ermahnt uns wiederholt: „Wenn man hofft, den Himmel zu erreichen, indem man Bäume fällt und Tiere verletzt – wie sieht dann der Weg zur Hölle aus?“ In der alten indischen Literatur finden wir Empathie für jedes Element in der Natur – Menschen, Tiere, Pflanzen, Flüsse, Berge, Böden und so weiter. Diese Einstellung führte zu einer Kultur, in der das Fällen eines Baumes mit dem Betrug an einem Freund verglichen wurde. Dieses Wertesystem, in dem die Natur als enges Mitglied einer größeren Familie betrachtet wird, schlug sich in einer Konsumethik nieder, die nicht ausbeutend, sondern förderlich und regenerativ war. Bei Gandhi stand der Begriff Prakriti für den ursprünglichen Charakter einer Idee oder Sache. Wenn die Menschheit an Prakriti herumpfuscht, korrumpiert sie sowohl die Natur wie auch sich selbst.

Wenn wir zu Gandhis Prakriti-Ideen und dadurch zu der uralten indischen Umweltethik zurückkehren, werden wir sicherlich Strategien finden und Zivilcourage zeigen können, um der Umweltkrise zu begegnen.

Gautam Choubey

Gautam Choubey ist Akademiker, Kolumnist und Übersetzer. Er lehrt Englisch an der Delhi University und schreibt über Gandhi, Kulturpolitik und indische Literatur.
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