Fortschritt

Indiens exotische Lebensmittelpalette

Heft 04, 2020

Indiens exotische Lebensmittelpalette

Mirvaan Vinayak |Autor

Heft 04, 2020


Ob Eisbergsalat, exotische Pilze, frischer Brokkoli, herbe Kiwis, gesunde Avocados, grüne Oliven oder frischer Blauschimmelkäse – diverse internationale Lebensmittelprodukte werden heutzutage in Indien angebaut und hergestellt, und das Segment wächst immer weiter

Handgemachte Pasta mit Knoblauchbutter-Kapernsauce, serviert mit ofengeröstetem Rosenkohl, und als Beilage ein frischer Grünkohlsalat mit einer Handvoll Bocconcini-Bällchen. Als Dessert ein minzgrünes Kiwi-Sorbet! So exotisch und international diese Gerichte auch klingen mögen – ihre Hauptzutaten sind alle regional erzeugt und stammen von landwirtschaftlichen Betrieben in Indien: Kapern aus Tamil Nadu, Grünkohl aus Jammu und Kaschmir, Rosenkohl aus Kerala, Kiwis aus Himachal Pradesh und Bocconcini-Käse aus Punjab.

Seit einigen Jahren sind exotische Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Speiseöle, Getreide und Käsesorten in Indien nun schon weitverbreitet, insbesondere bei Gourmets und Menschen mit globalem kulinarischem Interesse. Anfangs wurden diese aus aller Welt importiert und waren hochpreisig. Mit wachsender Beliebtheit werden viele davon jedoch mittlerweile in Indien angebaut und produziert, was höhere Nährstoffwerte der frischen Produkte und einen Bruchteil der Kosten bedeutet. Der positive ökologische Einfluss durch den reduzierten CO2-Fußabdruck aufgrund niedrigerer Transportzeiten der Waren ist ein weiterer Vorteil. Man muss nicht länger nach ausländischen Etiketten suchen, um diese Produkte zu kaufen – der hochwertigste Kopfsalat wird in den Nilgiri-Bergen angebaut, die frischesten Avocados stammen aus Himachal Pradesh und seltene Käsesorten kommen aus verschiedenen Teilen des Landes.

MADE IN INDIA
Indien ist der zweitgrößte Produzent von Obst und Gemüse auf der Welt und außerdem ein wichtiger Verbrauchermarkt für diese Produkte. Gemüse macht mehr als die Hälfte des indischen Obst- und Gemüsemarktanteils aus, wobei gerade das Segment für exotische Produkte wächst. Den Bauern in Indien kommt die wachsende Nachfrage nach exotischem Gemüse gelegen. In 2018 importierte Indien Obst und Gemüse im Wert von rund 3.000 Millionen US-Dollar. In 2019 fiel diese Zahl auf 1.189 Millionen US-Dollar. Interessanterweise halbierte sich der Import essbarer Gemüse und bestimmter Wurzeln und Knollenfrüchte von 2,9 Milliarden US-Dollar in 2017/18 auf 1,18 Milliarden USD bis Ende März 2019. Auch der Import von rohem Gemüse, Kopfsalat und Süßkartoffeln verzeichnete einen Rückgang in 2018/19. Nach Meinung von Experten wurde dieser Rückgang durch strengere Lebensmittelimportregelungen der Food Safety and Standards Authority of India (FSSAI) und einen deutlichen Anstieg des regionalen Anbaus ausgelöst. Dicht auf die Lebensmittelimportbranche, die mit 22 – 23 Prozent wächst, folgt die Inlandsproduktion internationaler Lebensmittel mit 14 – 16 Prozent.

Die indische Regierung hat diesen kleinen, aber wichtigen Sektor identifiziert und Pläne für den Anbau der hochwertigsten exotischen Obstsorten in Indien bekanntgegeben, indem die Landwirte vor Ort Samen und Setzlinge dieser Pflanzen erhalten. Im Rahmen eines dreijährigen, von der indischen Regierung finanzierten Projekts wird Originalpflanzmaterial von exotischen Apfel-, Mandel, Walnuss-, Trauben- und Dattelpalmensorten importiert, um den Anbau dieser Sorten zu fördern.

FRUCHTIGER GENUSS
Bei den Früchten gehören japanische Fuji-Äpfel und andere grüne Apfelsorten, rote Weintrauben, Datteln, Beeren, Kiwis, verschiedene Mandarinensorten, Pomelos und andere Zitrusfrüchte zu den meistimportierten. Einige davon passen sehr gut zu Indiens unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, andere hingegen, wie Fuji- und grüne Äpfel sind schwieriger zu ersetzen. Die indischen Bauern bauen jedoch erfolgreich eine alternative Fuji-Apfelsorte in Form des Lal Ambri Apfels aus Jammu und Kaschmir an. Diese Hybridsorte entsteht durch Kreuzung der roten Delicious-Äpfel aus Himachal Pradesh und der einheimischen Lal Ambri-Sorte.

Das Zentrum der Traubenproduktion liegt in Maharashtra (mit 80 %) und Karnataka. Diese Bundesstaaten konzentrieren sich in erster Linie auf Tafeltrauben, die wegen ihrer Qualität bei den importierten Sorten sehr beliebt sind.

Zu den in Indien angebauten exotischen Sorten zählen Kiwis, die hauptsächlich aus den mittelhohen Bergen von Himachal Pradesh, aus Uttar Pradesh, Jammu und Kaschmir, Sikkim, Meghalaya, Arunachal Pradesh und Kerala stammen. Auch Beeren stehen im Fokus. Der wichtigste Bundesstaat für den Beerenanbau in Indien ist Karnataka, und das hier angebaute Obst ist mit der weltweiten Vielfalt vergleichbar. Die üppig grünen Hügel von Nainital und Dehradun in Uttarakhand und in Mahabaleshwar in Maharashtra sind mit Erdbeerplantagen bedeckt.

Eine Apfel- und Aprikosenplantage in Spiti, Himachal Pradesh. Selbst unter härtesten Klimabedingungen schaffen es die Bauern vor Ort, mit uralten Anbaumethoden und modernen technologischen Reformen exotische Früchte anzubauen

GEMÜSEFREUDEN
In ähnlicher Weise importiert Indien eine große Vielfalt an exotischem Gemüse wie Brokkoli, Eisbergsalat, Spargel, bunte Paprika, Petersilie, Sellerie und Kohl. In letzter Zeit allerdings bauen Landwirte aus allen Teilen des Landes diese Gemüsesorten während der Haupterntezeit und in der Nebensaison selbst an. Zahlreiche Regierungs- und Nichtregierungs-Organisationen haben Programme aufgelegt, um Landwirte zu motivieren, diese Produkte anzubauen.

Ein weiteres Produkt, das früher in großen Mengen aus Europa importiert wurde, heute aber in Indien hergestellt wird, ist Käse. In der Dekkanregion und in den Bundesstaaten Kerala, Maharashtra und Tamil Nadu werden seltene Käsesorten handwerklich erzeugt. In Uttarakhand wird außerdem die seltene Blauschimmelkäsesorte produziert. Die meisten Käsereien stellen kleine Mengen her, um die Qualität aufrechtzuerhalten, und speziell aufgrund dieser Detailverliebtheit ist regionaler Käse mit importierten Alternativen vergleichbar.

Premierminister Narendra Modi fokussiert sich darauf, dass das Land auf dem landwirtschaftlichen Sektor und auf verwandten Feldern autark wird, und der Anbau und die Herstellung von Lebensmitteln, die einst importiert wurden, kann Indiens Abhängigkeit von globalen Importen minimieren. Wir können mit Sicherheit sagen, dass sich die Palette an exotischen Lebensmitteln in Indien bei den laufenden strategischen Bemühungen und Reformen von Regierungs- und Branchenseite weiterentwickeln wird.

Ein indischer Bauer präsentiert einen Bio-Kopfsalat von der Sardar Patel Farm im Dorf Kathwada in der Nähe von Ahmedabad

Mirvaan Vinayak

Mirvaan Vinayak ist ausgebildeter Chefkoch und war bei Masterchef India unter den Finalisten. Er moderiert diverse Kochshows und ist wegen seiner unkomplizierten Food Hacks, durch die Kochen einfacher wird und mehr Spaß macht, berühmt auf Social Media. Mirvaan ist für seine Liebe zur indischen Küche und seine Leidenschaft für Experimente mit globalen Zutaten bekannt.
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