Kultur und Lebensstil

Der Nachhall alter indischer Märchen

Heft 06, 2020

Der Nachhall alter indischer Märchen

Nalini Ramachandran |Autor

Heft 06, 2020


Indiens Tradition des Geschichtenerzählens ist so vielfältig wie die Kultur des Landes. Nalini Ramachandran untersucht einige indische Erzähltraditionen, die nicht nur sozial äußerst relevant sind, sondern auch das Kulturerbe der Nation bewahren und die Geschichten an die nächste Generation weitergeben

Tanaji (Tanhaji) Malusare, der Militärkommandeur der Maratha-Armee während der Herrschaft von Chhatrapati Shivaji, hatte die Aufgabe, die Festung Kondhana zurückzuerobern. Er schmierte Zinnoberrot auf die Stirn eines Haustier-Warans namens Yeshwant, den der Kommandeur für Vorhersagen über den Ausgang einer Schlacht nutzte. Im Anschluss daran band er ein Seil um den Körper des Reptils. Yeshwant klettert die Festungsmauern hoch, kehrte jedoch auf halben Weg um. Tanhaji deutete dies als Zeichen und sagte: „Ich haben 27 Festungen erobert. Nicht ein einziges Mal ist der Waran umgekehrt! Aber ich bin ein echter Maratha und fürchte den Tod nicht!“ Mit diesen Worten stieg Tanhaji die Wände weiter hoch.Diese Episode mag in den offiziellen Geschichtsbüchern auftauchen oder auch nicht, aber sie steht definitiv in der jahrhundertealten Powada, einer Art Marathi-Volksgedicht-Ballade, die während der Herrschaft von Shivaji beliebt war.Die Powada gehört zu den diversen indischen Erzählweisen und dient als Chronik und Erinnerung an historische Ereignisse und Persönlichkeiten. Oftmals enthält sie eher unbekannte Berichte und beweist dabei, dass die Geschichte, wie auch der Erzählvorgang selbst, vielfältig ist.

Ein Bahurupiya-Künstler, verkleidet als Hindu-Gottheit Lord Hanumana

Erfahrungsschatz

Abgesehen vom sprachlichen Aspekt, vermittelt das Geschichtenerzählen auch traditionelles Wissen – sei es über wissenschaftliche Konzepte oder über den Lebensstil. Kolam (die heilige Bodengestaltung) aus Tamil Nadu basiert auf mathematischen Berechnungen und geometrischen Konzepten. Bäuerliche Volkslieder aus Arunachal Pradesh erzählen Geschichten vom Ursprung des Getreides, vom Jhum-Anbau (dem Vorgang des Anbaus von Kulturen durch Räumen und Niederbrennen des Landes) und vielem Weiteren.

Der ehemalige Ministerpräsident von Himachal Pradesh, Virbhadra Singh (ganz rechts), zeigt dem indischen Premierminister Narendra Modi (zweiter von rechts) am 18. Oktober 2016 ein Chamba Rumal

Glaubensvermittlung

MSeit Urzeiten hilft das Geschichtenerzählen bei der Vermittlung von Wissen über den gemeinsamen Glauben und die religiöse Lehre. Skulpturen und Inschriften in Tempeln, Glasmalerei in Kirchen und Jain-Manuskriptbilder sind Beispiele dafür. Man nehme beispielsweise die Thangka-Kunst, eine tibetische buddhistische Praxis, die in Ladakh, Himachal Pradesh, Sikkim und Arunachal Pradesh beliebt ist und die Lehre und Geschichten aus dem Leben von Shakyamuni Buddha und vieler weiterer Gurus wie Padmasambhava, Marpa, Milarepa durch Malerei oder Applikationsarbeiten darstellt.

Gesellschaftliche Relevanz

Nicht nur der religiöse Glaube, sondern auch Geschichten helfen bei der Verbreitung gesellschaftlich relevanter Botschaften. Bahurupiyas (Behrupiyas) aus Rajasthan zeigen anhand geistreicher Kostümspiele die Persönlichkeiten ihrer mythologischen, historischen und alltäglichen Figuren.Erzähltraditionen sind darüber hinaus ein großartiges Massenkommunikationsmedium und eine effektive Methode, um das Bewusstsein für verschiedene Themen wie Geschlechtergleichheit, Bildung von Mädchen und Umweltschutz zu schärfen.Die Identität von Gemeinschaften, insbesondere der Geschichtenerzähler, entstammt den Erzähltraditionen, denen sie folgen, was wiederum in engem Zusammenhang mit ihrer Hauptbeschäftigung steht. Die Cheriyal-Rollbilder aus Telangana veranschaulichen diesen Aspekt.Die Cheriyal-Rollbilder sind in einem narrativen Format ähnlich wie eine Filmrolle gemalt und erzählen Geschichten aus den indischen Mythologien, Puranas und Hindu-Epen. Im Jahr 2007 erhielten die Cheriyal-Rollbilder das GI-Gütesiegel für geografisch geschützte Herkunft.

(Im Uhrzeigersinn von oben links): Die indische Kolam-Tradition aus Tamil Nadu gilt als Darstellung des Hindu-Begriffs der Unendlichkeit; Geschichten der Gottheiten des Hindu-Pantheons werden im Pattachitra, einer Erzähltradition aus dem Dorf Raghurajpur in Odisha, raffiniert dargestellt; der Maskentanz Kummattikali aus Kerala soll der Tanz der Bhutas (Geister) von Lord Shiva sein; ein lebhaftes Thangka-Bild stellt das buddhistische Rad des Lebens (Bhavachakra) dar

Naturschützer

Theyyam, eine rituelle Aufführung in den heiligen Hainen von Kerala, ist tief in der Anbetung der Natur verwurzelt. Es gibt rund 400 Theyyam-Formen, in denen jeweils Darstellungen eines Baum- oder Waldgeistes, eines Tiger- oder Schlangengottes oder einer anderen örtlichen Gottheit auftauchen. Theyyam-Aufführungen gelten als eine der ältesten indischen Kunstformen und erzählen Geschichten von alten Stammesgöttern und Helden.Die Natur ist die Grundlage der meisten Traditionen, weswegen die Bewahrung der Umwelt zu einem großen Teil die Fortführung dieser reichen indigenen Traditionen garantiert.

Orientierungspunkt

Alle diese Methoden verbinden uns nicht nur mit der Vergangenheit, sondern bieten auch Orientierung für die Zukunft. Sie erwecken viele Aspekte der indischen Geschichte zum Leben, die in schriftlicher Form nicht vorliegen. Mehrere Organisationen, darunter auch NGOs, verfolgen das Ziel, diese Traditionen zu bewahren. Mit der Ermutigung des Premierministers werden uns diese Geschichten hoffentlich weiter unterhalten und informieren und das nationale Kulturerbe für die künftigen Generationen weitertragen.

Nalini Ramachandran

Nalini Ramachandran ist Autorin von vier Büchern. Sie interessiert sich leidenschaftlich für indische Traditionen, insbesondere für die Kunst des Erzählens. Sie hat als Kultur- und Lifestyle-Redakteurin bei verschiedenen Medienhäusern und Zeitschriften gearbeitet.
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